Veranstaltungstipps statt Dispozinsen – warum die Hamburger Sparkasse in Non-Banking-Apps investiert

Bild: Andreas Grieß
Netzleben

Vergangene Woche Montag in Hamburg-Neustadt: Einige Pressevertreter und die mittlerweile unvermeidbaren Influencer kommen in einem Café zusammen. Es gibt Häppchen, Zitronen-Limo und Moscow Mule. An eine Wand wirft ein Beamer das Logo der App AINO, die hier und heute vorgestellt werden soll. Es ist eine der typischen Startup-Präsentationen, wie man sie schon zuhauf erlebt hat. Doch eines ist dieses Mal anders. Hinter der App stehen nämlich nicht irgendwelche Studienkollegen, die vom nächsten großen Ding träumen. Im Publikum ist auch Harald Vogelsang, Chef der Hamburger Sparkasse, deren sogenanntes „Innovation-Lab“ Haspa Next hinter AINO steht.

Die Freizeit-Tipp-App für Hamburg ist die erste Veröffentlichung von Haspa Next. In Form eines Chatbots liefert sie Tipps zu Veranstaltungen und Orten. Ebenfalls integriert sind sogenannte Deals – quasi Coupons für Ermäßigungen oder Angebote von zahlenden Kunden. „AINO verbindet Hamburger Insiderwissen mit aktueller App-Technologie“, sagt Entwicklungschef Markus Wienen. Die App soll mit der Zeit ihren Nutzer besser verstehen und so maßgeschneiderte Tipps geben können. Eingebaut sind die Inhalte von „Heute in Hamburg“, das bisher als eigenständiges Angebot unterwegs war. Anfang März hatte Haspa Next das Startup übernommen.

Sowohl inhaltlich als auch vom Funktionsumfang sollen bei AINO weitere Ergänzungen folgen. Denkbar seien etwa ein integriertes Ticketing-System und die Ausweitung auf weitere Zielgruppen abseits der aktuell anvisierten jungen Berufstätigen. „Wir wollen die App fortlaufend weiterentwickeln, dabei vom Nutzer lernen und ihn intensiv einbinden“, so Wienen.

Mehr über Kundenbeziehungen und Startups erfahren

Vom Nutzer lernen – das ist denn auch eines der Hauptmotive, das die Hamburger Sparkasse nennt, wenn man sie fragt, weshalb sie in eine App abseits des Bankengeschäfts investiert. Im Kern stehe die Frage „Wie gestaltet man Kundenbeziehungen nachhaltig“, erklärt Haspa-Next-Chef Tobias Lücke. Das Thema Banking rutsche mit neuen Bezahlservices zunehmend aus der Lebenswelt der Kunden. Gleichzeitig stelle sich die Frage, ob Banking in Zukunft immer noch nur von Banken betrieben werde. Angebote wie Google Wallet oder Apple Pay würden dies fraglich erscheinen lassen.

Die Sparkasse wolle aber weiter in der Lebenswelt der Kunden oder potentiellen Kunden eine Rolle spielen, so Lücke. Dafür will sie neue Wege erschließen, auch außerhalb des Kerngeschäfts. „AINO adressiert die Zielgruppe, die für uns derzeit am schwierigsten zu erreichen ist“, so der Haspa-Next-Chef. Gerade die jungen Leute kämen seltener in die Filialen, weshalb das Unternehmen auch am wenigsten über sie wisse.

Doch nicht nur über junge Menschen, auch über alternative Organisationsformen will die Hamburger Sparkasse mehr erfahren und sich so besser für die digitale Transformation wappnen. Haspa Next wird wie ein Startup geführt, ist von mehreren Beteiligten zu hören – inklusive interner Finanzierungsrunden. Dies helfe, abseits fester Strukturen neue Ideen zu entwickeln und auch Personen für sich zu gewinnen, für die die Sparkasse als Arbeitgeber womöglich nicht attraktiv wäre. Auf ein starkes Haspa-Branding verzichtet man daher auch bei AINO.

Gleichwohl: Ganz wie ein Startup denkt die GmbH nicht. „Wir wollen mit AINO eine schwarze Null schreiben“, gibt Tobias Lücke als Ziel aus. Man sei keinesfalls bereit, nur Geld zu verbrennen. Geplant ist, dass die App sowohl über ein Reichweiten-Modell für Content-Anzeigen als auch mit den Performance-orientierten Deals Einnahmen erzielt. Damit steht das Team freilich in einem Spannungsfeld zwischen zwei Zielen, die nicht immer deckungsgleich sein müssen: Das Lernen und Experimentieren einerseits und das Geld verdienen und Erschließen von Geschäftsfeldern andererseits, wenngleich zu hören ist, dass keiner erwartet, dass über Haspa Next zeitnah satte Gewinne erwirtschaftet werden. Wie so oft stellt sich also die Frage: Ab wann soll eine App wie stark monetarisiert werden?

Weitere Projekte geplant

Ein typisches Ziel für viele Gründer fällt zudem weg: Ein möglicher Verkauf erfolgreicher Projekte, also ein Exit, stehe derzeit nicht auf der Agenda, heißt es. Übernahmen und Beteiligungen andererseits, auch ein klassisches Inkubator-Modell, sind ebenfalls nicht geplant. Wie bereits der Fall von „Heute in Hamburg“ gezeigt habe, schließe man Übernahmen jedoch nicht grundsätzlich aus, falls sich entsprechende Möglichkeiten ergeben.

Für 2017 plant Haspa Next neben seinem Erstling AINO noch weitere Projekte. Außerdem verstärkt die Firma die Geschäftsführung ab Juni mit Johannes Haus, einst Director Corporate Development bei Xing und später unter anderem Mitgründer des mittlerweile eingestellten beziehungsweise in Immonet aufgegangenen Immobilien-Marktplatzes Loftville. Nicht alle Projekte werden erfolgreich sein, weiß man auch bei Haspa Next.

Der Erstling AINO stößt zum Start jedenfalls nicht nur auf positives Feedback. Vielen Nutzern scheint der Ansatz über einen Chatbot überhaupt nicht zu gefallen. Bei iTunes und im Google Play Store sind mehrere kritische Kommentare von Nutzern zu lesen. Da heißt es zum Beispiel: „Wenn mich nach dem nächsten Update erneut dieser absolut unnütze Chat begrüß und ich nicht einfach und übersichtlich durch aktuelle Veranstaltungen blättern kann, lösche ich die App“ oder „Dieser Chatbot ist der größte Rotz und völlig unnütz“. Ein User zieht das Fazit: „Der beste Beweis dafür, dass Chatbots eben nicht immer Sinn machen. Unfassbar nervige Bedienung.“ Ob diese Urteile eine Ausnahme bilden oder nicht, wird sicher nicht nur die Hamburger Sparkasse genau beobachten, wenn es darum geht, die Kundenbeziehungen innerhalb der digitalen Transformation zu verbessern.

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Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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