Hamburg Towers geben gegen Nürnberg 23-Punkte-Führung aus der Hand

Bilder: Andreas Grieß
Hamburg Towers

Vor ausverkaufter Halle mit 3.400 Zuschauern verlieren die Hamburg Towers mit 83:84 gegen die Nürnberg Falcons ein Spiel, das eigentlich schon nach wenigen Minuten zugunsten der Towers entschieden schien. Doch nach einem furiosen Start im ersten Viertel, bei dem vor allem der Amerikaner Roderick Camphor für Punkte sorgte, ging den Hamburgern hinten raus spürbar die Puste aus. Im Herzschlagfinale hatten die Gäste das glücklichere Händchen. Nach dem Spiel verschaffte sich Towers-Trainer Hamed Attarbashi bei der Pressekonferenz ein wenig Luft.

Am vorletzten Tag des Jahres fanden die Tabellennachbarn aus Nürnberg zu Hamburgs Basketballern in den Inselpark, für die die bisherige Saison bestenfalls durchwachsen verlaufen ist. Das teils gezwungener Maßen runderneuerte Team, das obendrein mit fast schon traditionellen Verletzungssorgen zu kämpfen hat, konnte bislang keinen Lauf finden und zeigte sich auch vor heimischen Publikum nicht als Macht. Auch zum Nachholspiel fehlten wieder wichtige Akteure. Zu den Langzeit-Verletzten Leon Bahner, Stefan Schmidt, Cornelius Adler und Enosch Wolf, gesellte sich dieses Mal krankheitsbedingt auch Kapitän Robert Ferguson.

Furioser Start für die Towers

Umso wichtiger sollte an diesem Abend Justin Raffington mit seinen 2,05 Metern werden. Und der legt direkt los, gewinnt den Sprungball und erzielt wenige Sekunden später per Dunk nach Zuspiel von Anthony Canty die ersten Punkte. Es sind keine eineinhalb Minuten gespielt, da hat Roderick Camphor zwei Mal drei Punkte nachgelegt. 8:0 – ein Auftakt nach Maß. Erst von der Freiwurflinie können die Nürnberger in Person von Andre Clinton Calvin punkten. Doch als Roderick Camphor wenig später zum dritten Mal einen Dreier verwandelt und sein Team auf 14:6 in Front bringt, wird es Gästetrainer Ralph Junge zu bunt. Mit einem Timeout will er nachjustieren.

Doch zwei missglückte Nürnberg-Angriffe später finden die Towers erneut ihre Nummer Fünf an der Dreier-Linie, der wieder einnetzt. Und es kommt noch härter für die Gäste: Dunking durch Raffington und nur wenige Sekunden später: Steal und Dunking durch DeAndre Lansdowne. 21:6, kurze Zeit später steht es gar 23:6. Die Halle ist begeistert.

Roderick Camphor sorgt für einen furiosen Start

Und Nürnberg? Zeigt weiter eine indiskutable Defense-Leistung und macht es den Towers somit leicht. Zu langsam kommen die Gäste nach eigenen Angriffen zurück in ihre Verteidigung. Die Folge: Nürnberg steht unkoordiniert und nicht selten sogar in Unterzahl den Towers gegenüber. Die zeigen ihrerseits keine Gnade und lassen kaum etwas liegen. Nach den ersten zehn Minuten haben sie bereits 34 Punkte gemacht – und nur 15 kassiert.

Nürnberg kommt ran – doch Towers reagiert noch einmal

Im zweiten Viertel können die Towers das Tempo nicht aufrechterhalten. Das Spiel ist nun ausgeglichener. Doch gegen Ende der zweiten zehn Minuten zeigen die Gäste wieder einige der Schwächen des ersten Viertels. Doch es ist auch Hamburg, das stark spielt, mit ungewohnt gut funktionierenden Kombinationen. Dennoch geht das zweite Viertel mit 17:19 an die Gäste, die somit ein Lebenszeichen abgeben. Zur Halbzeit steht es somit 51:34. Ganze 18 der Towers-Punkte steuerte bis zu diesem Zeitpunkt Roderick Camphor bei. Auffällig zudem: Bei den Towers gab es in der ersten Hälfte ungewöhnlich wenige Wechsel, was freilich auch an der hohen Verletztenzahl liegt. Justin Raffington spielte bis auf 32 Sekunden die gesamte Spieldauer, auch Camphor kommt auf mehr als achtzehneinhalb Minuten. Droht den Towers hintern raus der Saft auszugehen?

Die zweite Hälfte beginnt nicht annähernd so rasant wie die erste. Erst nach drei Minuten punkten die Towers – per Freiwurf. Doch auch Nürnberg hat bis hierhin erst wenig zusammen gebracht. Den Abstand verkürzen die Gäste dennoch kontinuierlich. Drei Minuten vor dem Ende des dritten Viertels scheint das Spiel wieder offen zu sein. Nürnberg ist bis auf zehn Punkte beim Stand von 59:49 herangerückt. Hamed Attarbashi nimmt eine Auszeit.

Dennoch gelingt es Nürnberg auf acht Punkte zu verkürzen. Roderick Camphor im Gegenzug schafft es nicht, einen weiteren Dreier zu versenken. Und nun geht gar nichts mehr zusammen. Canty begeht ein Rückspiel, Nürnberg punktet erneut dreifach. Im Anschluss geben die Towers den Ball durch einen Fehlpass wieder leichtfertig ab. Bei nur noch fünf Punkten Vorsprung macht es Lansdowne mit Gewalt. Kurz darauf ein schneller Konter und seine Vorlage auf Raffington, der zum Viertelende per Slam-Dunk abschließt. Die Halle ist wieder da – sind es auch die Towers?

Die Schlussphase bringt viele Führungswechsel

Mit 63:54 geht es in das letzte Viertel. Und wieder kommt Nürnberg ran. Nach drei Minuten sind die Gäste nur noch mit drei Punkten hinten und damit auf Schlagdistanz. Es scheint nun nur noch über den Kampf zu gehen. Viel geht im Eins gegen Eins unter dem Korb. Vor allem Raffington, der mit seinen Größenvorteilen wichtig ist, braucht mittlerweile aber ein Sauerstoffzelt, wird kurz darauf sogar wegen Krämpfen am Bein behandelt und kommt nicht wieder rein. Anthony Canty versucht, das Spiel an sich zu nehmen, doch der Vorsprung schmilzt weiter. Nach fünf Minuten beträgt er beim Stand von 69:68 nur noch einen Punkt.

Erstmals Topscorer: Rene Kindzeka

Etwa viereinhalb Minuten vor dem Ende gleichen die Nürnberger aus. Beim folgenden Angriff erwarten die Fans den Foulpfiff, der jedoch ausbleibt. Stattdessen bekommt Nürnberg einen Freiwurf wegen Taktischem Foul – und geht erstmals in Führung: 71:72. Von der Freiwurflinie gleicht Canty aus, lässt aber die Führung liegen. Die besorgt kurz darauf von gleicher Stelle unter großem Jubel Rene Kindzeka, der in der zweiten Hälfte sein bislang stärkstes Spiel zeigt und mit 22 Punkten noch Roderick Camphor als Topscorer abfängt (21).

Wenig später liegen jedoch wieder die Gäste vorne, eher Roderick Camphor per Dreier erneut die Führung umstellt. Dann ist per Tip-In wieder Nürnberg vorne. Die Führung wechselt jetzt im Sekundentakt. 24 Sekunden vor Schluss gibt es zwei Freiwürfe für Anthony Canty, die er beide verwandelt, so dass sein Team mit einem Punkt vorne liegt. Nun hat Nürnberg den Ball für volle 24 Sekunden. Doch davon nutzen sie nur 16 um auf 83:84 zu stellen. Reichen den Towers knapp acht Sekunden, um noch einmal zu punkten? Nein – Anthony Canty kommt zwar zum Wurf, trifft jedoch nicht.

„Da kann ich doch nichts für“

Was bleibt ist ein atemberaubendes Spiel und ein wahnsinniges Comeback der Nürnberger – und eine extrem bittere Niederlage für Hamburg, die damit drohen den Anschluss an die Playoff-Plätze zu verlieren. Das jedoch sei auch kein Drama, betont Coach Hamed Attarbashi nach dem Spiel, der den Blick eher in Richtung schnellstmöglichen Klassenerhalt richtet. Der sichtbar enttäuschte Headcoach gibt aber mit Nachdruck seinen Unmut über die Verletztensituation zu Protokoll und tritt mit Nachdruck Vorwürfen entgegen, wonach die Verletzungssorgen hausgemacht seien, etwa weil angeschlagene Spieler verpflichtet worden seien.

Trainer Hamed Attarbashi wehrt sich gegen den Vorwurf, die Verletzungssorgen seien hausgemacht

„Cornelius Adler hat eine Schulterverletzung gehabt, deswegen wurde er operiert. Er hat sich hier die Achillessehne angerissen. Das eine hat mit dem anderen überhaupt nichts zu tun. Anthony Canty war zwei Mal krank. Der hat eine Leisten-OP gehabt vor eineinhalb Jahren“, so der Trainer. Er könne auf diese Art jeden Spieler durchgehen: „Leon Bahner war noch nie verletzt, hat sich die Syndesmose gerissen. Stefan Schmidt hat sich nach Ende der Rehe den Meniskus gerissen. Da kann ich doch nichts für. Robert Fergusson hat 40 Grad Fieber, weil er zwei Kinder zuhause hat, die ab und zu im Kindergarten krank werden.“

Mario Blessing spiele mit einem Bänderriss in der Schulter und Marc Liyanage mit einem im Finger. Attarbashi weiter: „Glauben Sie mir, jeder hier im Verein arbeitet jeden Tag daran, um herauszufinden, ob es irgendetwas sein könnte, was wir falsch machen.“ Laut dem Coach sei es aber einfach Pech. Dennoch habe der Verein auch externe Hilfe geholt. Im kommenden Jahr werde von Experten jede Trainingseinheit und jeder Plan kontrolliert, ob irgendetwas die vielen Verletzungen und Erkrankungen begünstige.“ Mut macht Gästecoach Ralph Junge. Er stimmte Attarbashi zu: „Es gibt manchmal Jahre, da kannst du nichts machen. Da muss man irgendwie durch. Das gehört auch irgendwie dazu zum Sport“. Es kämen auch wieder bessere Zeiten.

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Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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