Unerwartet & Unbemerkt: Das Ende eines Vorzeige-Startups und Highspeed nach Dänemark

Bild: Andreas Grieß
Stadtgefühl

Im Oktober stellten wir wieder einmal völlig unerwartet die Uhren um. Einige blieben dabei bis heute unbemerkt. Doch das waren nicht die einzigen unerwarteten oder unbemerkten Dinge in Hamburg, über die es lohnt, zu sprechen. Zwei weitere gibt es in unserer monatlichen Kolumne:

Unerwartet

Die Hamburger Startup-Szene ist anders als die in London oder Berlin eher überschaubar. Umso wichtiger sind Erfolgsgeschichten für unsere Stadt. Als eine von ihnen galt bis vor kurzem Jimdo. Das Unternehmen bietet Websites nach dem Baukasten-Prinzip an. 2007 starteten die drei Gründer Jimdo. Seitdem ging es im Wesentlichen bergauf. Es wurde Risikokapital eingesammelt, wenn auch nur mit Bedacht. Es wurden Mitarbeiter eingestellt. Das alles nach außen in der typischen Startup-Wohlfühl-Atmosphäre – Image-Spots inklusive. Jimdo öffnete sogar Büros im Ausland. Laut eigenen Angaben wurden mittlerweile mehr als 15 Millionen Websites mit der Software aus Hamburg erstellt.

Im Oktober folgte jedoch der Bruch, das Ende der Wohlfühl-Atmosphäre: Ein Viertel der Mitarbeiter muss sich einen neuen Arbeitgeber suchen. Das sind etwa 70 Personen. Alle Bereiche des Unternehmens werden betroffen sein, einige sollen sogar ganz geschlossen werden, berichtet Gründerszene. Welche Bereiche das sind, ist noch nicht öffentlich.

Mitgründer und CEO Matthias Henze verrät in einer Pressemitteilung lediglich: „Wir haben es versäumt eine effektive Managementstruktur einzuführen. Daher mussten wir heute leider die harte Entscheidung treffen, uns von einigen unserer Kolleginnen und Kollegen zu trennen.“ Das Unternehmen sei zuletzt sehr stark gewachsen, teilt Jimdo mit. Man verzeichne das schnellste Wachstum an Neukunden in der fast zehnjährigen Firmengeschichte. Auch auf Mitarbeiterebene sei das Unternehmen gewachsen – zu schnell.

In der Pressemitteilung klingt Jimdo weniger wie ein blumiges Startup, als wie ein klassischer Konzern, der schlechte Nachrichten versucht, wie gute darzustellen. Die drastische Entlassungsentscheidung betitelt die Firma als „Unternehmensumstrukturierung, die Geschäftsprozesse vereinfachen und Innovation fördern wird“. Immerhin. Den betreffenden bald Ex-Mitarbeitern will Jimdo ein „überdurchschnittliches Abfindungspaket“ anbieten.

Unbemerkt

Eher unbemerkt beschloss der Haushaltsausschuss des Bundestags vergangenen Monat an einem Mittwoch zu später Stunde eine kleine Änderung an der Verbindung zum Fehmarnbelttunnel, die für Hamburger deutliche Auswirkungen haben dürfte. 2024 soll der Tunnel in Betrieb gehen und die deutsche Insel Fehmarn und die dänische Insel Lolland direkt für den Straßen- und Schienenverkehr miteinander verbinden.

Den größten Teil der Kosten übernimmt die dänische Seite. Für Deutschland fallen jedoch Kosten für die Anbindung an. Bisher war geplant, eine Zugstrecke zu nutzen, auf der Personenzüge bis maximal 160 Stundenkilometern fahren dürfen. Nun soll es schneller werden: Bis zu 200km/h werden dem neuen Plan folgend die Personenzüge zur Vogelfluglinie fahren. Von Hamburg nach Kopenhagen oder auch anders herum käme man damit künftig in rund zweieinhalb Stunden. Aktuell fährt man fast doppelt so lang.

Die neue Hochgeschwindigkeitsstrecke erfordert aber einige Planänderungen im Bau. So ist es für Bahnstrecken, auf denen 200 km/h gefahren wird, Voraussetzung, dass Straßenquerungen durch eine Brücke oder einen Tunnel verwirklicht werden und nicht als klassischer Bahnübergang. Was eine solche Bauarbeit jedoch bedeutet, kann in Hamburg derzeit jeder unweit des Horner Kreisel erleben. Und: Das kostet natürlich Geld. Die Kosten dafür will aber der Bund übernehmen. Die Kommunen sollen nicht zahlen müssen.

Die Entscheidung im Ausschuss fiel mit großer Mehrheit. Eingesetzt für die Veränderung haben sich insbesondere Bundestagsabgeordnete aus Schleswig-Holstein, darunter der SPD-Mann Norbert Brackmann, der die neue Planung laut dem Abendblatt folgendermaßen begründet: „Davon profitieren vor allem die Kommunen entlang dieser Strecke in Ostholstein.“

Noch mehr profitieren könnten tatsächlich aber die Hamburgerinnen und Hamburger. Sie bekommen eine noch einmal schnellere Zugverbindung in die dänische Hauptstadt als zunächst geplant, müssen dafür nicht direkt mehr bezahlen (Geld vom Bund ist natürlich irgendwie auch anteilig Hamburger Geld) und haben entgegen der Bürgerinnen und Bürger entlang der Strecke keine Baustellen vor der Tür. Ein dreifacher Gewinn. Das passiert auch nicht alle Tage.

Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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