St. Pauli: Codename Lilli

Bild: Andreas Grieß
Stadtgefühl

Das Kind hat Geburtstag, Freunde und Familie wohnen weiter weg. Was liegt da näher, als das Geschenk per Paketpost nach Hamburg zu schicken? Eigentlich kein Problem, sollte man meinen. Doch auf St. Pauli sieht das dieser Tage leider anders aus. Zumindest, wenn man sich beim Versand für die Deutsche Post DHL entscheidet. Dann muss man – wenn man den Auslieferer einmal nicht Zuhause antrifft – in Sherlock Holmes-Manier nach seinem Paket suchen. Vorausgesetzt man weiß, dass ein Paket im Anflug ist.

Angefangen hat alles im Sommer mit den immer unregelmäßiger werdenden Öffnungszeiten der Filiale der Deutschen Post in der Detlev-Bremer-Straße. Ob man die Filiale geöffnet erwischte, war irgendwann ein reines Glücksspiel. Gefühlt war es die meisten Male nicht so und man stand mit seinem Paket vor verschlossenen Türen. Ob die Filiale geöffnet war erkannte man außerdem schon von weitem – keine Schlange = Filiale zu, lange Schlange = Filiale geöffnet. Darauf hatte man sich irgendwann eingestellt.

Einmal hatte ich mich mit einer Paketbenachrichtigungskarte in die Schlange eingereiht. Nach etwa dreißig Minuten Wartezeit schaffte ich es endlich an den Schalter – um dort zu erfahren, dass die Filiale auf St. Pauli generell keine Pakete mehr lagert. Die seien jetzt immer alle im Postcenter in der Kaltenkirchener Straße in Altona-Nord, hieß es. Ein Blick auf den Stadtplan verriet mir, dass ich nun über zwei Kilometer laufen musste, um mein Paket zu bekommen. Aber immerhin wusste ich zu dieser Zeit noch, wo ich mein Paket finde.

Kein Paket, keine Benachrichtigung

Nun stand eben besagter Geburtstag an und ich hörte, dass eine Freundin aus Köln etwas Selbstgenähtes als Geschenk schicken wollte. Da ich nicht genau wusste, wann und ob überhaupt das Paket schon auf die Reise gegangen war und ich nicht mit Nachfragen nerven wollte, wartete ich einfach ab. Als der Geburtstag dann mehr als zwei Wochen her und immer noch kein Paket in Sicht war, kam mir das langsam komisch vor.

Irgendwann meldete sich die Freundin bei mir. „Ist das Paket mit dem Geschenk angekommen?“ Ich verneinte. Ein Blick in die Sendungsauskunft verriet ihr: „Das Paket wurde an einen Nachbarn zugestellt“. Und zwar schon vor einer Woche. Ich hatte jedoch weder eine Paketbenachrichtigungskarte im Briefkasten, noch hatte einer der Nachbarn mich darauf angesprochen, dass ein an mich adressiertes Paket nun schon seit einer Woche bei ihm herumlag.

Wer ist Lilli?

Ein Anruf bei der Hotline von DHL brachte die Info, dass der Auslieferer lediglich die Notiz „Filiale Lilli“ ins System eingetragen hat. Lilli? Noch nie gehört, jedenfalls nicht im Zusammenhang mit der Post. Könnte es die Filiale in der Kaltenkirchener Straße sein? Aber wieso dann so eine kryptische Umschreibung? Oder war ein Ladengeschäft in unserem Quartier gemeint, vielleicht der Frisör oder der vegane Supermarkt? Dort nachgefragt: Nichts, kein Paket und auch keine Idee zur Filiale Lilli.

Wenn ein Paket verschwindet, ist das eine Sache. Wenn das Paket aber etwas enthält, das im Zweifel unwiederbringlich verloren ist, ist es eine ganz andere. Was also tun? Scherzhaft gab ich die Filiale Lilli in eine Suchmaschine ein. Und siehe da, Treffer! Zwar nicht auf einer offiziellen Seite der Deutschen Post, aber auf allerhand Seiten, die Geschäfte und Öffnungszeiten in der näheren Umgebung listen. Das Paket könnte also laut Suchmaschine in der Hein-Hoyer-Straße sein, in einer inoffiziellen oder Partner-Filiale der Deutschen Post mit dem Codenamen Lilli.

Paketsuche auf St. Pauli ist kein Einzelfall

Schon von weitem sah ich die lange Schlange vor der „Filiale Lilli“. Und das mitten in der Woche und mitten am Tag. Ich schien richtig zu sein. Ob da noch andere das gleiche Problem gehabt haben wie ich? Einmal in die Runde gefragt stellte sich schnell heraus: Der Pakete-Wahnsinn auf St. Pauli hat Methode. Ich war keineswegs ein Einzelfall in Sachen vergessene Paketbenachrichtigung und anschließender Suche nach der Filiale Lilli. Ausnahmslos alle St. Paulianer in der Schlange hatten das Gleiche erlebt. Entsprechender Unmut machte sich bemerkbar und die Frage stand im Raum, wie das denn sein könne.

Schlussendlich war mein Paket tatsächlich dort und noch nicht zurück geschickt worden. Das Glück hatten nicht alle Wartenden. Der Filialleiter – ich bezweifle, dass er Lilli heißt – war sichtlich bemüht, konnte aber alle Beschwerden nur mit einem Achselzucken und der Aussage beantworten, dass er nichts für die fehlenden Benachrichtigungen könne. Er gab die Auskunft, dass bis auf Weiteres alle Pakete aus St. Pauli, die nicht an der Haustür angenommen werden, weder in der Filiale Detlev-Bremer-Straße noch in der Filiale Kaltenkirchener Straße landen, sondern bei ihm. Ich werde also künftig sofort die Hein-Hoyer-Straße ansteuern, wenn ich ein Paket vermisse. Aber dazu muss man diese Information ja erst einmal haben.

Keine Informationen trotz vieler betroffener Kunden

Eine Filiale wegen unerwarteten Krankenstandes über längere Zeit nur eingeschränkt öffnen zu können ist die eine Sache. Pakete in eine andere, offizielle Filiale der Deutschen Post bringen zu lassen und die Kunden per Benachrichtigung zu informieren – ok. Aber wenn man als Kunde auf St. Pauli selber auf die Suche nach einem Paket gehen muss und sogar die DHL-Hotline einem nur einen Codenamen als Hinweis geben kann, der auf keiner offiziellen Seite der Deutschen Post zu finden ist, dann läuft etwas schief.

Auf telefonische Nachfrage bei der Deutschen Post DHL – deren Hotline-Rufnummer einem bei der Suche nach der Filiale Lilli immerhin angezeigt wird – sagte man mir, dass momentan zu meinem Anliegen leider keine Informationen vorliegen. Meine Beschwerde wurde weitergeleitet. Mal sehen, wo sie ankommt.

Über

Jessica ist 1983 in Köln geboren und nach einem Zwischenstopp in Trier seit 2007 Wahlhamburgerin. Neben ihrem Job als Pressereferentin eines Forschungsinstituts ist Jessica als freie Texterin im World Wide Web unterwegs. Bei Elbmelancholie schreibt sie vor allem über Themen rund um Hamburgs Stadtgrün. orchideenfans.de

4 Kommentare

  1. Guten Tag!

    Darf ich diesen Artikel, statt ihn nur zu verlinken, in meinem Blog unter spassmitderpost.kiwikirsch.de am liebsten in voller Länge zitieren? Ich würde die Blog-Kategorie „Nur so.“ nehmen – für Geschichten und erstaunliches, was ich online fand. Selbstverständlich mit allen gewünschten Referenzen/Verlinkungen/Autoren-Nennungen.

      • Schade. Mein Blog ist nicht kommerziell und lästert mir lediglich einen Stein vom Herzen in meinen schlechten Erfahrungen mit dem gelben Versandwesen. Ich habe keine Werbung geschaltet und freue mich anhand eines WordPress-Plugins, das anonym ohne IP-Adressen die Anzahl von Klicks zählt, wenn es mal zwanzig an einem Tag sind. Zwanzig Menschen, die irgendeinen jeweils aktuell vermutlich fluchenswerten Begriff aus derer eigenen DHL-Erfahrung gegoogelt haben und dann wissen, daß sie nicht alleine sind. Mit Geld hat mein Blog nur insofern zu tun, als daß viel Porto bezahlt worden ist, ohne die bezahlte Dienstleistung dafür empfangen zu haben. Einzelne Links werden eher übersehen, und viel dazu zu schreiben wüßte ich nicht. Schade. Ich hätte den Artikel gerne mit jedem gewünschten Link usw. beworben, weil aus meiner Seele geschrieben :-/

  2. Volker Cesinger

    Vollkatastrophe – Ein völlig überforderter alter Mützenträger aus der Post68 und PreRoterFlora-Zeit. Eine Sendung sollte am 27.12. dort abgeben worden sein. Ich war am 30.12. vor Ort. Hier wurde mir mitgeteilt, dass man noch keine Lust hatte die Pakete von Weihnachten zu sortieren. Für den Fall, man würde es finden, würde man sich telefonisch melden, wenn nicht nicht dann nicht. Eine Beschwerde bei DHL zur Nachforschung half nicht. So war ich am 4.1. wieder vor Ort. Scheinbar hatte man Zeit, die Pakete zu sortieren und knallte wortlos die Sendung auf den Tisch. Wenn man überfordert ist, Pakete für DHL zu handeln, sollte man das doch abgeben. Dann kann man sich weiter auf den Verkauf von handgeklöppeltem Plunder konzentrieren und belästigt das Personal nicht mit anderen Dingen.
    Die Letzte Bude auf St. Pauli.

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