Unerwartet & Unbemerkt Folge 5: Von Hexen und Telefonzellen

Bild: Mathias Buchner via Flickr. Lizenz: CC-by
Stadtgefühl

In Hamburg verschwinden manchmal Dinge – zum Beispiel Telefonzellen. Davon gibt es nämlich kaum noch welche. Gelegentlich sind und waren es auch Menschen, die verschwinden. Im Mittelalter etwa, weil man sie für Hexen hielt. Dieses Thema wiederum verschwand lange von der Bildfläche – doch nun ist es unerwartet wieder da. Von Hexen und Telefonzellen handelt unsere neue Folge „Unerwartet & Unbemerkt“.

Unerwartet

Als die taz vor einigen Wochen über die Petition von Jan Vahlenkamp berichtete, hatte diese noch eine einstellige Zahl an Unterstützern. Hexenverfolgung in Hamburg – ein typisches Randthema, dem sich die Kollegen da durchaus löblicher Wiese gewidmet hatten. Vahlenkamp fordert in seiner Petition, eine Straße nach Katharina Hanen, der ersten Frau, die 1444 in Hamburg des Hexenzaubers angeklagt und auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde, zu benennen.

Mindestens vierzig Personen wurden in Hamburg Opfer der Hexenverfolgung, berichtet Vahlenkamp und die Stadt habe bisher kaum etwas zur Aufarbeitung der Geschehnisse beigetragen. Auch zur Erinnerung an die Opfer geschehe zu wenig, kritisiert der Politikwissenschaftler. Das fanden dann auch andere Medien interessant. Auf einmal tauchte die Petition und das Thema Hexenverfolgung in Hamburg auch an anderer Stelle auf. Im Zeit-Newsletter Elbvertiefung, bei Elbmelancholie, im NDR, im Abendblatt.

Die Petition kommt mittlerweile auf über 200 Mitzeichner – beachtlich für die Forderung nach einem Straßennamen. Mittlerweile gibt es auch Neuigkeiten aus der Forschung, wie der evangelische Pfarrer Hartmut Hegeler aus Unna zu berichten weiß: In Hamburg und seinen Ortsteilen seien demnach von 1444 bis 1738 nicht nur gut vierzig, sondern mindestens 101 Verfahren gegen mutmaßliche Hexen, Zauberer und Wahrsager angestrengt worden. Dies gehe aus neuen Forschungen durch Kai Lehmann im Deutschen Hexendokumentationszentrum im Museum Schloss Wilhelmsburg in Schmalkalden hervor. Es scheint, als nehme eher unerwartet das Hexen-Thema in Hamburg gerade erst Fahrt auf.

Unbemerkt

Wann habt ihr das letzte Mal eine Telefonzelle gesucht? Das ist vermutlich eine ganze Weile her. Und doch gibt es sie noch. Vom Aussterben sind sie dennoch bedroht, wie der FDP-Bürgerschaftsabgeordnete Michael Kruse vor kurzem eher indirekt erfuhr. In einer Kleinen Anfrage stellte er dem Senat einige Fragen zum WLAN-Ausbau in Hamburg. Viel Neues erfuhr er darin nicht. Wie sich die angekündigte Abschaffung der „Störerhaftung“ auf das öffentliche WLAN-Angebot in Hamburg auswirken werde, könne noch nicht gesagt werden. Der Probebetrieb der Hochbahn laufe wie angekündigt und die S-Bahn evaluiere, ob auch sie WLAN anbieten wird.

Abschließend wollte Michael Kruse wissen, wie viele öffentliche Telefonzellen es in Hamburg noch gebe – vor allem vor dem Hintergrund, inwiefern diese als Access Points für WLAN-Empfang genutzt werden könnten. Der Senat antwortet: Anfang 2016 gab es in Hamburg nur noch 445 öffentliche Telefonzellen. Davon nutze die Deutsche Telekom knapp 400 als Träger für WLAN-Hotspots.

Telefonzellen

445 Telefonzellen – das sind noch einmal 134 weniger als im Vorjahr. Anfang 2014 gab es noch 750, Anfang 2012 mit 1066 mehr als doppelt so viele wie aktuell. Ein weiteres Jahr zuvor zählte die Stadt 1321 öffentliche Telefone, also fast dreimal so viele wie zur Zeit. Wie die Welt berichtet, gab es zuletzt 2008 einen Höchststand von 2171 öffentlichen Fernmeldern in Hamburg. Mittlerweile gibt es also nur noch rund ein Fünftel der Telefonzellen von vor acht Jahren. Vermissen tut sie aber kaum jemand.

Bleibt nur eine Frage: Was erlebt Hamburg eher: Den Abbau der letzten Telefonzelle oder die erste Benennung einer Straße nach einem Opfer aus einem Hexenprozess?

Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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