Hamburg: Sport ist fort?

Bild: Andreas Grieß
Sport

Das überraschende, drohende Aus für die Hamburg Freezers ist ein weiterer Tiefschlag für die Sportfans in Hamburg. Innerhalb von nur wenigen Monaten enden die sportlichen Erfolgsgeschichten der Handballer, Volleyballerinnen und Eishockey-Spieler schlagartig. Eben noch Bundesliga, nun inexistent. Dazu das mögliche Aus der Cyclassics, der Bedeutungsverlust des Tennisturniers. Am derzeit Schlag auf Schlag stattfindenden Niedergang der Sportstadt Hamburg sind fast immer die Strukturen schuld, aber auch das Nein zu Olympia. Ja – auch das!

Wenn man mit Sportverantwortlichen in Hamburg spricht, werden die meist nicht müde, die genannten Fälle als Einzelfälle und als nicht repräsentativ zu bezeichnen. Zurecht verweisen sie darauf, dass noch immer sehr viel Sport in Hamburg betrieben wird – auch Spitzensport. Experten verweisen auf Missmanagement in den gescheiterten Vereinen und geschaffene Abhängigkeiten. Tatsächlich sind diese Dinge häufig zu finden: mangelnder Innovationswille, zu hohe Ausgaben, zweifelhafte Funktionäre.

Vor allem sind es aber Abhängigkeiten: Den Freezers zieht nun der Besitzer den Stecker. Bei den Volleyballerinnen war es ebenso wie bei den Cyclassics und dem Tennistunier der Namenssponsor. Der HSV Handball war auf Kredite eines einzelnen Gönners angewiesen. Nie konnte Ersatz gefunden werden. Und wir wissen: Auch die Kicker des HSV sind sehr einseitig von einem Geldgeber abhängig.

Hamburgs Olympia-Nein macht die Stadt unattraktiv für Investoren

Die pure Anzahl an Pleiten in den vergangenen Monaten lässt sich aber nicht mehr nur mit Fehlern der Beteiligten erklären. Vielmehr wird jetzt erst ein Problem deutlich, dass schon viel zu lange existierte. Die Vereine und Veranstaltungen haben sich nämlich nicht mit Freude in die genannten Abhängigkeiten begeben. Nein, sie waren oftmals die einzige Option, um auf dem gewünschten Niveau überhaupt Sport zu betreiben oder weiter zu betreiben. Hamburgs Sport geht es schon lange schlecht und einzelne Mäzene waren der lebenserhaltende Tropf, an dem er hing.

Und genau hier kommt auch das Nein zu Olympia ins Spiel. Olympia sollte die Begeisterung für Sport in Hamburg erhöhen und neue Köpfe, Investoren und Sponsoren in die Stadt holen. Die Befürworter als Sportinsider wussten oftmals um die wahre Situation in den Vereinen, weshalb sie umso intensiver für die Idee warben. Natürlich wollen Sponsoren und Investoren etwas für ihre Leistung sehen, etwa einen Werbeeffekt oder Imagegewinn. Hätte der Sport durch die Olympiabewerbung an Bedeutung gewonnen und Geschichten erzählt, wäre dieser Effekt größer ausgefallen.

Mit dem Nein zur Bewerbung hat sich dieser Wunsch nun ins Gegenteil verkehrt. Eine Stadt, die mehrheitlich den Argumenten derer folgt, die sagen, Gelder in den Spitzen- und Wettkampfsport seien woanders besser aufgehoben, ist kein Ort, an den man in den Sport mit der Hoffnung auf Imagegewinn Geld investiert. Die Entscheidung zu den Hamburg Freezers macht dies besonders deutlich: Der Eigner AEG zieht sich nicht aus dem Eishockey-Sport zurück. Er betreibt weiter die Eisbären Berlin. Er zieht sich auch nicht aus Hamburg zurück. Er betreibt weiter die Barclaycard Arena. Er zieht sich aus dem Sport in Hamburg zurück.

Keine Zeit mehr für Olympia-Kater

Hamburgs Sport muss an vielen Stellen nun von Grund auf neu aufgebaut werden. Das wird ein langer Weg. Statt Sportstadt Nummer eins in Deutschland zu sein, starten diejenigen, die hier etwas aufbauen wollen, mit einen enormen Rückstand in den Kampf um Köpfe und Gelder. Das Vakuum werden noch mehr der Fußball und andere Lebensbereiche füllen. Um die derzeitige Abwärtsspirale nicht auf noch mehr Projekte übergreifen zu lassen, braucht es nun auch Zeichen aus der Politik. Statt Mittel zu kürzen sollte sie dem sehr wohl noch bestehenden Sport in Hamburg – Beispiele sind hier etwa Rudern und Hockey – mehr Aufmerksamkeit verschaffen. Das fängt schon mit kleinen Dingen an, wie persönlichem Erscheinen bei Titelkämpfen in Hamburg.

Aber auch jeder einzelne Hamburger, dem Sport etwas bedeutet, sollte sich fragen, was ihm dieser wert ist. Erklären wir unseren Freunden genug, warum wir mehrfach die Woche zum Training gehen? Geben wir Sponsoren mehr Wertschätzung dafür, wenn sie Nachwuchsteams fördern oder Athleten zu den Paralympics verhelfen, oder begeistern uns doch eher die gesponserten Posts der fotogenen Hobbyathletin? Und: Wann waren wir eigentlich zuletzt bei einer Amateursport-Veranstaltung als Zuschauer? Die Folgen des Olympia-Aus sind nun auch dem Letzten deutlich. Doch nun ist keine Zeit mehr für enttäuschten Trotz und Olympiakater.

Hamburg kann und wird weiter sportliche Erfolgsgeschichten schreiben. Damit sie mehr Leute mitbekommen und damit sie eine Brücke zu wieder mehr anstelle von weniger (Spitzen)sport werden, muss jeder in seinem Rahmen etwas dafür tun. Denn Sportler wissen schon lange: Kein Erfolg kommt ohne die dafür nötigen Mühen.

Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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