Da leben, wo andere auf die Straße kotzen – vom Wohnen auf dem Kiez

Bild: Karin Elisabeth
Stadtgefühl

Von Fuhlsbüttel Nord mitten auf den Kiez. Ein Kontrast für alle Sinne, den man erst mal aushalten muss. Das fängt mit dem leicht im Rachen beißenden Geruch in der S-Bahn an, der sich in Richtung Reeperbahn immer mehr verdichtet und an der gleichnamigen Station seine atemberaubende Höchstdichte erreicht. Ja, man muss sich erst gewöhnen an diese charakteristische Mischung verschiedener Körpersekrete, aus Versehen oder mit irgendeiner Absicht öffentlich ausgeschieden von Leuten, die man nicht kennen will.

Zum Glück zeigen sich diese Leute fast nur nachts in nervtötender Konzentration und sind meist nach einem Wochenende wieder weg, zurück in Bad Oeynhausen oder Borken oder sonstwo hinter dem Schreibtisch. Am Wochenende drauf werden sie dann zwar durch fast identische Exemplare in Penis- oder Saufelfen-Kostümen ersetzt, aber dazwischen ist im Großen und Ganzen Ruhe.

Ja, unter der Woche lässt es sich aushalten auf dem Kiez. Genau die richtige, interessante, dabei nicht allzu stressige Menge an Freaks und Gestalten, deren Geschichten man sich gerne mal bei einer Dose Holsten anhören würde. Ein paar Asis sind immer dabei, aber wo ist das nicht so. Und wer in der Kaputtheit keine Romantik erkennen kann, hat hier sowieso nichts verloren.

Ruhiger als am Airport

Zwischen den menschlichen Ruinen und Abrissbirnen liegt auch ganz viel Normales. In den Geschäften merkt man, dass die Verkäufer den Umgang mit schwierigem Klientel gewohnt sind. Jede Situation parieren sie mit heiterer Seelenruhe, wohlmeinende Tipps und Auskünfte für Zugezogene sind jederzeit Teil des Pakets. Überhaupt kommt man überall schnell ins Gespräch. 98 Prozent dieser zufällig-beiläufigen Konversationen sind entspannt bis skurril, für den Rest empfiehlt sich im Zweifel der polnische Abgang.

Und was ist mit der gefürchteten Lautstärke, kann man auf dem Kiez überhaupt schlafen? Unter der Woche auf jeden Fall. Da ist es eigentlich sogar ruhiger als am Airport, wo der Flugverkehr ja schon um 6 Uhr wieder losgeht. An vereinzelte „We Are The Champions“-Chöre und kleine Auseinandersetzungen unter dem Fenster gewöhnt man sich schnell.

Am Wochenende ist die Soundkulisse natürlich anders. Dann kommen sie wieder in Scharen angereist, aus Bad Oeynhausen und Borken, um sich den Alltag aus dem Leib zu grölen und alles in Schutt und Asche zu legen, vor allem sich selbst. Damit muss man einfach leben, wenn man hier lebt. In Momenten echter Verzweiflung helfen Ohrenstöpsel, ein Kurzurlaub auf dem Land oder auch der sehr gute Song „Wenn dir St. Pauli auf den Geist fällt“ von den Sternen, den ich jetzt erst richtig verstehe. Es empfiehlt sich übrigens in solchen Nächten, den Blick gen Bordstein gesenkt zu halten, wo man schon mal einen beim überall verbotenen „Wildpinkeln“ aus der Arschtasche gefallenen Zehner finden kann.

Härtetest Hafengeburtstag

Der Härtetest war natürlich der kürzlich bei fast schon unwirklicher Sonneneinstrahlung begangene Hafengeburtstag – vor diesem Event hatten uns die Vormieter unseres neuen Habitats in Sachen Halligalli und Gestank schon im Vorfeld gewarnt. Am Donnerstag ein Höllenkarneval entgleisender Väter (und aller, die es biologisch gesehen mal werden könnten), in den frühen Morgenstunden der Nacht zum Freitag dagegen ein betörend surreales Bild: Hier und da brennt noch schummriges Licht, nur noch ein paar übriggebliebene Gestalten kämpfen in der Kulisse aus melancholischen Hafenszenen und verlassenen Buden gegen Kater und Desorientierung. Müllwagen ziehen leise ihre Bahnen und beseitigen diskret die Spuren der ersten richtigen Hamburger Sommernacht.

Und dann die Schiffe. Majestätisch ragen sie in die Dunkelheit und flüstern von der großen, weiten Welt, für die wir nie Geld haben. Niemand ist mehr auf der Promenade, wo vor ein paar Stunden noch das maritime Spektakel tobte. Nur ein paar Matrosen in blütenweißer Uniform stehen still an Deck eines prunkvollen Dreimasters aus Polen und halten Wache, die Stille ist fast schon magisch. Das ist eben die andere Seite von St. Pauli, und so viel Schönheit muss man auch erst mal aushalten.

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