Lieblingsplatz – Hamburg Hauptbahnhof

Bilder: Andreas Grieß
Stadtgefühl

Zugegeben, ein Bahnhof als Lieblingsort und dann auch noch der Hamburger Hauptbahnhof als einer der Orte, über die es einen Lieblingsplatz-Text auf Elbmelancholie gibt, mag komisch wirken. Denn dieser Bahnhof ist architektonisch nicht schön. Er bietet nichts besonders Außergewöhnliches. Der Berliner Hauptbahnhof etwa ist mehrgeschossig. Der Bahnhof in Lüttich riesig mit viel Glas und Gestänge, architektonisch jedenfalls hervorstechend. Die Bahnhöfe in Helsinki und Budapest sind schön. Selbst Altona ist (noch) etwas besonderes durch die Tatsache, dass es ein Kopfbahnhof ist, durch den zudem manchmal Autos fahren. Der Hamburger Hauptbahnhof erfüllt schlicht und einfach seine Funktion, ein Hauptbahnhof zu sein.

Pssst, das sagen wir jetzt aber bitte alle nicht weiter. Zumindest sagen wir es besser nicht den Werbemachern, die die Werbung für die Wandelhalle machen, die in vielen Zügen der Hochbahn klebt. Es ist nämlich schon echt praktisch, dass da immer ein Supermarkt, eine Apotheke und ein HVV-Verkaufsschalter sind, die bis spät abends immer geöffnet sind. Auch sonntags. Das ist echt toll und das nutzen wir auch gerne immer wieder: Für die Flasche Wasser, bevor ich in den Zug steige, oder für das Sixpack Bier, welches ich für das Grillen am Sonntagnachmittag im Stadtpark noch kurzfristig benötige. Danke dafür!

Reist man mit dem Zug in einer Stadt an, fällt einem oft etwas auf. Oder vielmehr, es fällt nicht auf. Städte sehen unspektakulär aus, wir sehen nur Hinterhöfe und Industrieanlagen und alles wirkt eher schmutzig und unschön. Die Wohnungen und Häuser entlang von Bahngleisen haben geringere Miet- und Kaufpreise, es sind selten die Vorzeigeviertel einer Stadt. Hamburg ist da anders (so wirkt es zumindest). Fährt man von Süden in die Stadt ein, überqueren die Züge die Elbbrücken. Als Passagier hat man Sicht auf den Hafen und die Speicherstadt, wie auch die Deichtorhallen. Unter anderem sieht jeder Reisende das repräsentative, moderne Gebäude des Spiegels. Vor allem bei Sonnenuntergang ist diese Einfahrt in die Stadt wunderschön.

Fährt man mit dem Zug weiter oder steigt man vielleicht schon am Bahnhof Dammtor in einen Zug ein (Tipp: Hier kann man sich oft auch ohne Sitzplatzreservierung noch einen Sitzplatz sichern, sollte es gen Süden gehen!), fährt der Zug zwischen Binnen-und Außenalster über die Brücke und erneut wird die Sicht auf das Wasser und nun den Jungfernstieg frei. Ich warte jedes Mal auf diese beiden Ansichten auf unsere Hansestadt, wenn ich in einem Zug oder auch einer S-Bahn sitze, und werde jedes Mal ruhig und erfreue mich an dem Anblick. Welche Stadt und insbesondere welcher (Haupt-)Bahnhof kann das schon von sich sagen? In Frankfurt, okay, dort ist die Skyline schon imposant. In Düsseldorf ist es schön, den Blick auf den Rhein zu haben – wie auch in Köln, wo der Blick auf den Dom hinzu kommt.

Die eigene Geschichte - Schriftzug am Hauptbahnhof

Die eigene Geschichte – Schriftzug am Hauptbahnhof

Bin ich am Hauptbahnhof, bin ich oft auch mitten im Geschehen der Stadt. Seit dem letzten Jahr insbesondere kommen sehr viele Geflüchtete hier an, sie werden erstversorgt, reisen weiter, reisen ab oder warten; mit ihnen viele (ehrenamtliche) Helfer. Auf dem Hachmannplatz, in der Steinstraße oder am Glockengießerwall enden viele Demonstrationen, Kundgebungen und Proteste oder es wird informiert. Ebenfalls treffe ich hier oft Freunde, wenn wir in unterschiedlichen Stadtteilen wohnen, da der Hauptbahnhof per se zentral liegt, oder wenn sie mit dem Zug anreisen und mich besuchen. Ebenfalls nehme ich oft eine Mitfahrgelegenheit war, die genau hier am sogenannten „Mitfahrerstrich“ startet: Neben vielen anderen Wartenden beuge ich mich zu einem Auto vor, bevor ich zu fast Fremden einsteige; mein Gepäck vorher im Kofferraum verstaut.

Hamburg Hauptbahnhof. Das heißt für mich, Zuhause ankommen. Und es heißt für mich: in die Heimat, den Urlaub oder zu Freunden zu fahren, zu einem geschäftlichen Termin aufzubrechen. Es heißt auch, auf meine Liebsten zu warten. Davon zu schwärmen, in tolle Städte zu fahren, die mir noch unbekannt sind oder aber, die oder deren Menschen ich kennen und lieben gelernt habe. Das heißt es für mich und ebenfalls für all die anderen, die dort auch sind. Erwartungen auf das, was kommt. Trauer, dass die Freundin wieder fährt. Freude, dass ich wieder da bin. Glück, dass der Laden noch geöffnet ist. Alles das macht diesen Ort zu einem meiner Lieblingsplätze in Hamburg.

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Über

“Wenn Deutschland, dann Hamburg.” Am liebsten zumindest. Auch wenn es gerade nicht Deutschland ist, Hamburg ist das Zuhause im Herzen. Hier bei Elbmelancholie kann Inga über ihre Erlebnisse in der Hansestadt Hamburg und Gedanken zu den hiesigen Geschehnissen berichten. Stellvertretende Redaktionsleiterin von Elbmelancholie

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