„Nick Tschiller: Off Duty“ – Schweiger tauscht Tatort gegen Mähdrescher

Bild: Andreas Grieß
Kunst und Kultur

Til Schweiger alias Nick Tschiller ballert sich wieder durch Hamburg – zumindest durch die Hamburger Kinos. Innerhalb der Handlung verwüstet der aus dem Tatort bekannte Hamburger LKA-Beamte dieses Mal nämlich vorrangig Istanbul und Moskau. Seit Donnerstag ist der „Kino-Tatort“, der an den TV-Zweiteiler vom Jahresbeginn anschließt, zu sehen (hier die Kritik zu Teil 1 und Teil 2 im Januar). Lohnt ein Kinogang? Ja, denn sind die Fesseln des „Tatort“ einmal gelöst und die Erwartungshaltung dank Kino, Popcorn und Gesellschaft eine andere, als am sonntäglichen Abend in der ARD, funktioniert der Film gut. Und das schreibe ich nun nicht, weil ich Angst habe, dass mir jemand mit mehr „Ahnung von der Craft“ sonst eines drüber gibt.

Worum geht es? Ohne zu viel zu verraten kann man die Handlung wie folgt zusammen fassen: Tochter Lenny Tschiller (Luna Schweiger) reist nach Istanbul, um den Gegenspieler der TV-Filme, Firat Astan (Erdal Yildiz), zu töten. Nachdem der im letzten Teil Lennys Mutter getötet hatte und später in die Türkei abgeschoben wurde, scheint er dort auf freiem Fuß zu sein. Das Attentat misslingt, stattdessen gerät Lenny in Gefangenschaft. Vater Nick macht sich auf den Weg, um seine Tochter zu retten. Sein Vorhaben führt ihn über Istanbul letztlich nach Moskau. Dabei erhält er Unterstützung von seinem Partner Yalcin Gümer (Fahri Yardim).

Der sorgt wie auch im TV erneut für den überwiegenden Anteil der humorvollen Einlagen im Film. Das tut gut und hilft, die Handlung nicht zu ernst nehmen zu müssen. Gleichsam sorgt die Tatsache, dass Witzeinlagen fast nur mit ihm stattfinden dafür, dass der Film sich nicht ganz zwischen Action-Thriller und Action-Komödie zu entscheiden weiß und vor allem im letzten Drittel vielleicht sogar zu sehr Richtung Komödie zu kippen droht. Alles in allem bietet der Streifen aber für deutsche Verhältnisse starke Action-Unterhaltung von mehr als zwei Stunden. Wer hohe Kunst oder tiefgründige Dialoge erwartet, ist jedoch fehl am Platz. Aus strenger Sicht gibt es nämlich durchaus wieder vieles auszusetzen: Wie in den TV-Filmen gibt es einmal mehr metergroße Logiklöcher. Sie sind groß genug, um durch sie mit einen Mähdrescher auf den Roten Platz zu fahren. Anders als Sonntags um 20:15 Uhr ist dies im Kino aber vertretbarer, wo sonst auch Superhelden über die Leinwand fliegen. Und seien wir ehrlich: Auch der letzte Bond hatte so seine Logiklücken.

Frauen tauchen fast nur als Opfer auf

Apropos Bond: Daran scheinen sich Drehbuchautor Christoph Darnstädt und Regisseur Christian Alvart bewusst oder unbewusst orientiert zu haben. Da wäre zum einen freilich die Bond-typische Jagd des Bösewichts über mehrere Kontinente und Städte, ein Held, der mit korrupten Sicherheitsbehörden zu tun hat und mit dem eher technisch veranlagten Sidekick Gümer auch ein Charakter, der etwas an die zuletzt von Ben Whishaw verkörperte, modernisierte Fassung des „Q“ erinnert. Wie bei James Bond, passt auch Nick Tschiller sein Fahrzeug den Anforderungen an und nicht umgekehrt. Immerhin führt uns „Off Duty“ so vor Augen, was man alles mit besagtem Mähdrescher machen kann – Landwirt ist vielleicht doch kein so langweiliger Beruf.

In „Off Duty“ sucht der Zuschauer Frauen allerdings meist vergeblich, vor allem wenn sie nicht in der Opferrolle oder als reiner Anhang von Männern vorkommen sollen. Die einzigen beiden Figuren mit nennenswerter Screentime, Berrak Tüzünataç als Reyhan und Alyona Konstantinova als Dasha, erinnern stark an die klassischen Bond Girls: Charakterstarke Frauen, die jedoch auf die Hilfe der Männer angewiesen sind und nicht lange zögern, mit den Helden das Bett zu teilen.

Luna Schweiger, obwohl die Handlung sich im wesentlichem um ihre Figur dreht, ist kaum zu sehen. Das tut dem Film, so ehrlich muss man leider weiterhin sein, eher gut. Schweiger-Familiengespräche wurden auf das nötigste reduziert. Etwas schade ist dafür, dass Erdal Yildiz ebenfalls kürzer tritt. Allerdings ist nach vier Filmen Fiat Astan auch irgendwann mal gut. Die Rolle des Hauptgegenspielers übernimmt in „Off Duty“ dafür Özgür Emre Yildirim, der seine Figur des Süleyman Seker schön schmierig-böse darstellt.

„Tschiller: Off Duty“ ist ein Stand-Alone

Die TV-Filme muss man für diesen Kino-Streifen nicht gesehen haben. Von den Schweiger-Tatorten kommen ohnehin nur die beiden männlichen Hauptcharaktere, Tochter Lenny sowie Fiat Astan – und ein weiterer Charakter in einer Nebenrolle – vor. Die dritte Kommissarin wird immerhin kurz erwähnt, aber für Frauen waren offenbar wie erwähnt hier nur andere Rollen vorgesehen.

Auf die Handlung der kommenden TV-Krimis mit Till Schweiger, die es offenbar geben soll, dürfte „Off Duty“ ebenfalls keinen entscheidenden Einfluss haben. Die Geschichte um Fiat Astan war im TV bereits auserzählt. Was rund um ihn weiter geschieht, spielt also nicht zwingend eine Rolle. Wenn Nick Tschiller in nächster Zeit wieder nach Hamburg und an den Sonntagabend zurückkehrt, wird es wohl neue Gegner geben. Und falls demnächst ein Mähdrescher auf dem Rathausmarkt steht, wird wohl gerade gedreht.

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Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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