Hamburg Towers besiegen Tabellenführer vor Rekordkulisse

Bild: Andreas Grieß
Hamburg Towers, Sport

Überraschungssieg in Wilhelmsburg: Zum Rückrundenauftakt schlagen die Hamburg Towers den ProA-Tabellenführer aus Jena. Der Aufstiegsfavorit aus Thüringen reiste mit bisher nur einer Saisonniederlage nach Hamburg, zog am Samstagabend aber dennoch verdient der Kürzeren. Großen Anteil daran hatten die 3400 Zuschauer. Die InselPark-Halle in Wilhelmsburg war nach der Fertigstellung im Sommer und damit verbundener, höherer Kapazität somit erstmals in dieser Saison ausverkauft, was anders ausgedrückt bedeutete: neuer Zuschauerrekord.

Die Fans erlebten, wie Jena zwar den Tip-Off gewann, aber sofort mit einem Offensivfoul den Ball verlor. Eine Szene, die sinnbildlich für den Spielverlauf stehen könnte. Jena erwischte nämlich sehr wohl den besseren Start und machte in Person von Immanuel McElroy die ersten Punkte. Es sollten zwei weitere folgen, bevor Jonathon Williams die ersten Zähler auf Hamburgs Konto brachte. Nach vier Spielminuten beim Stand von 4:6 machte Towers-Coach Hamed Attarbashi früh klar, welchen Trumpf er einmal mehr auszuspielen gedachte: die ausgeglichene Teamstärke. Mit einem frühen Dreifachwechsel folgte der Coach auch 2016 der Linie, durch relativ gleichmäßig verteilte Spielzeiten das Tempo im Team hochzuhalten.

Das geht natürlich nur mit dem entsprechenden Kader und den haben die Hamburger derzeit. Weiter verletzt nicht dabei waren zwar Janis Stielow und René Kinzeka. Dafür nahm Headcoach Hamed Attarbashi die Jungendspieler Louis Olinde und Lennard Larysz ins Aufgebot. Neuzugänge gab es über die Weihnachtspause keine.

Showdown kurz vor Halbzeit

Es entwickelte sich ein erstes Viertel, das von aggressivem Defensivverhalten beider Teams geprägt war. Es ist das Spiel Jenas, auf das sich die Towers einzulassen schienen. Die Hamburger agierten in der Verteidigung in Manndeckung. Die früh störenden Gäste ihrerseits versuchten Bazou Koné aus dem Spiel zu nehmen. Verständlich: Mit 20 Punkten war er im Hinspiel Topscorer. Der junge Aufbauspieler stand auch am Ende des ersten Viertels im Mittelpunkt: Wenige Sekunden vor dem Ende versuchte er sich im eins zu eins und lag plötzlich auf dem Boden. Die Unparteiischen entschieden auf Offensivfoul, Hamburgs Bank sah es gänzlich anders, zumal ihr Mann behandelt werden musste.

Mit einem enorm starken Block in der Defense weckte Jonathon Williams zu Beginn des zweiten Viertels die Halle. Doch auch Jena blieb wach, zog auf 10:19 weg, ehe Hamburg auch offensiv gefährlich wurde und bis auf einen Punkt herankam (27:28). Rund eine Minute vor der Halbzeit bekam Xavier Roberson von der Linie die Chance, Hamburg in Führung zu bringen – und nutze sie: 29:28. In den letzten Sekunden ging es dann auch auf den Rängen richtig heiß her. Ein nicht als solches geahndetes Offensivfoul der Gäste sorgte für laute Pfiffe. Als Jena noch wenige Sekunden hatte, sich wieder in Front zu bringen, waren die „Defense“-Rufe so laut wie selten im Inselpark. Und sie zeigen Wirkung: Steffen Kiese klaut den Ball, läuft auf den Korb zu. Er hat noch zwei Sekunden – und nutzt sie zur 31:28 Halbzeitführung. „Psychologisch wertvoll“, wie man sagt.

Koné muss nach Unsportlichkeit das Feld verlassen

Den Rückenwind nahmen die Towers ins dritte Viertel, wo sie ihre Führung auf 36:29 ausbauten. Mit leidenschaftlichen Ballgewinnen auch in der Offensive sorgte Hamburg zunehmend für Hexenkessel-Atmosphäre. Jena wusste sich oft nur durch Fouls zu helfen. Die Folge: Früh im dritten Viertel waren die fünf Teamfouls voll und das Heimteam durfte an die Linie – wo Hamburgs Spieler sich anders als in vielen vergangenen Partien ausgesprochen treffsicher zeigten (75 Prozent Quote). Dennoch machten die Towers weiter Fehler, so dass Jena im Spiel blieb. Drei Minuten vor Ende des dritten Viertels glich Jena zum 41:41 aus. Aber die Towers wehrten sich. Sehenswert ein Dreier von Anthony Canty, abgeworfen weit vor der Dreierlinie zum 46:41.

Mit diesem Stand ging es in das Schlussviertel, in dem Jena direkt punktete und Hamburg konterte. Als Michael Wenzel kurz darauf der Ball quasi vor dem Korb in die Hand fiel, betrug der Vorsprung sieben Punkte. Jenas Trainer Harmsen justierte noch einmal nach. Doch es lief bei den Towers: Roberson und Ferguson versenken scheinbar mühelos zwei Dreier und brachten Hamburg 7:38 Minuten vor den Ende mit dreizehn Punkten in Front. Harmsen nahm direkt noch einmal Auszeit. Ob er in dieser überhaupt etwas übermitteln konnte, bleibt fraglich: Die Halle klatsche jedenfalls ununterbrochen laut durch.

Diese Stimmung sorgte aber nicht nur für positive Energie. Bazou Koné, bei dem es am Samstag nicht rund lief, ließ sich sechs Minuten vor Schluss durch Lars Wendts Foul zu einem unsportlichem Verhalten provozieren. Die Folge: Ein disqualifizierendes Foul gegen ihn. Die Towers musste den Rest der Begegnung ohne ihn auskommen. Umso besser, dass Anthony Canty (17 Punkte) an diesem Tag sein bislang wohl bestes Spiel im Towers-Trikot machte und auch Jonathon Williams (Topscorer mit 18 Punkten), Verantwortung übernahm.

„Ein besonderer Tag für die Hamburg Towers“

Und so blieb Hamburg weiter in Front. Was in den Schlusssekunden folgte, war eine Art Demütigung für den Tabellenführer: Jonathon Williams schien die letzten fünfzehn Sekunden ablaufen lassen zu wollen, holte aber dann doch aus und traf zum Dreier. 73:63. Jenas Trainer sah nun sogar den direkten Vergleich dahin gehen und nahm bei noch etwa drei Sekunden auf der Uhr noch eine Auszeit. Als er die Seinen wieder auf den Platz schickte, nahm auch Attabashi eine Auszeit und gönnte dann sogar Lennard Larysz und Louis Olinde erste ProA-Sekunden. Hamburg feierte sich dem verdienten Sieg entgegen. Es blieb beim 73:63.

Coach Hamed Attarbashi lobte nach dem Spiel das Publikum, betonte aber, dass sein Team sich die spätere Lautstärke auch erst verdienen musste: „Nach Jons Block wurde die Halle richtig laut.“ Zu Beginn sei seine Mannschaft in seinen Augen etwas zu zögerlich gewesen. Anthony Canty stellte heraus: „Der heutige Abend war definitiv ein besonderer Tag für die Hamburg Towers.“ Für den Aufbauspieler sei es das „schönste Heimspiel“ bis jetzt gewesen. Die vielen Zuschauer hätten die Halle in einen „kleinen Hexenkessel“ verwandelt. So sei es gelungen, einen starken Gegner wie Jena zu schlagen.

Das Wort „Aufstieg“ macht die Runde

Nach dem Spiel machte auch das Wort „Aufstieg“ die Runde. Zwar sind die Towers nur Tabellenfünfter, mit Heimsiegen gegen die Führenden in der Tabelle, Jena und Vechta, hat das Team aber bewiesen, jeden schlagen zu können. Marvin Willoughby, sportlichen Leiter der Towers, bremst aber ein bisschen die Euphorie. „Wenn am Ende des Tages rauskommt, dass wir unter den ersten beiden Mannschaften der Liga sind, dann ist das wunderbar. Aber daraus ergibt sich für mich keine Automatik, dass wir sofort aufstiegen.“

Das Team und er würden zwar gerne in die erste Liga aufrücken, aber selbst wenn der sportliche Erfolg das zulasse – und das ist ein großes Wenn – müsse noch mehr dazu kommen: „Wir werden erst dann aufsteigen, wenn es wirtschaftlich und organisatorisch machbar ist in der ersten Liga mitzuspielen.“ Man wolle Schritt für Schritt arbeiten. In anderen Sportarten der Stadt sehe man, dass sich sonst Abhängigkeiten ergeben würden, die die Langfristigkeit des Projekts gefährden könnten.

Spiele wie das am Samstagabend gegen Jena helfen in Willoughbys Augen daher doppelt: Wirtschaftlich, weil sie den Wert der Marke Hamburg Towers bei den Zuschauern und damit auch möglichen Sponsoren erhöhen. Und sportlich helfen sie ohnehin.

Video

  • Anzeige


Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

Schreibe einen Kommentar


Captcha: Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.