Tatort „Der große Schmerz“: Schweiger-Extrawurst mit Schuss- und Logiklöchern – und Helene Fischer

Bilder: © NDR/Gordon Timpen
Kunst und Kultur

Wenn es um den Tatort mit Til Schweiger geht, ist einiges anders: Halbautomatik-Waffen gehören zum Standard-Inventar, die Geschichte ist fortlaufend, die Liebhaber und Hater liegen noch weiter auseinander und dann ist da natürlich noch das gesteigerte Medieninteresse. So wird es auch dieses Mal sein. Am Neujahrsabend zeigt das Erste den neuen Schweiger-Tatort „Der große Schmerz“. Zwei Tage später folgt der zweite Teil „Fegefeuer“. Ursprünglich sollten die Filme bereits im November ausgestrahlt werden, wurden dann aber nach den Terroranschlägen von Paris verschoben.

Es passt zur Schweiger-Extrawurst, dass auch der NDR bereits im Vorfeld allen das Gefühl gibt, dass dieser Tatort kein gewöhnlicher ist. Frank Beckmann, Programmdirektor NDR Fernsehen, gibt zum neuen Tatort zu Protokoll: „Think big – so lautet die Devise, nach der die Hamburger Tatorte mit Nick Tschiller und Yalcin Gümer produziert werden.“ Dazu passt, dass man den Film behandelt, wie den nächsten Oscar-Kandidaten: Rezensionsansichten des Films gibt es für Journalisten anders als bei anderen Filmen der Reihe nur mit personalisiertem Wasserzeichen und zusätzlicher Sonderanmeldung. Den zweiten Teil wird es überhaupt nicht vorab für Besprechungen geben. Angeblich, um Spoiler zu vermeiden. Vielleicht passiert im zweiten Teil also eine ganz große Sache? Wir werden es jedenfalls nicht verraten können, selbst wenn wir es wollten.

Doch all das Markeing-Gehabe kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass der neue Hamburg-Tatort enttäuscht. Laut Beckmann gehe man „bewusst an die erzählerischen Grenzen eines Tatorts.“ Treffender wäre die Formulierung: Man gehe an die Grenzen einer Erzählung. Der Inhalt von „Der große Schmerz“ lässt sich nämlich in einem Satz zusammenfassen: Bösewicht lässt Familie des Guten entführen, um den Guten zu zwingen, ihn aus dem Gefängnis zu befreien. Ein klein bisschen komplexer wird die Geschichte gegen Ende zwar doch noch, wohl aber vor allem, um die Handlung für den zweiten Teil vorzubereiten.

Helene Fischer: Mimenlos durch den Tatort

Na erkannt? Schlagerstar Helene Fischer als Auftragskillerin Leyla im neuen Tatort "Der große Schmerz" / © NDR/Gordon Timpen

Na erkannt? Schlagerstar Helene Fischer als Auftragskillerin Leyla im neuen Tatort „Der große Schmerz“ / © NDR/Gordon Timpen

Schon zu Beginn des ersten Teils wird in einer an „Stirb an einem anderen Tag“ erinnernden Szene verraten, in welcher Situation sich der Hauptcharakter gegen Ende befinden wird. Dann gibt es die Aufklärung darüber, wie es dazu kam. So erfahren wir, dass die Beziehung zwischen Tschiller und der im letzten Film schwer verletzten Staatsanwältin nicht mehr existiert, der Kommissar dafür jedoch bemüht ist, wieder mit seiner Ex zusammen zu kommen. Der Bösewicht der letzten beiden Filme soll auf Wunsch des neuen, koksenen Innensenators (was macht eigentlich Roland Schill gerade?), der zudem den Hamburger Hafen an Russen verkaufen will, nach Bayern verlegt werden und die dritte Kommissarin, Ines Kallwey (Britta Hammelstein) bleibt weiterhin nur Stichwortgeberin für ihre beiden Macho-Kollegen, denen sie nun zudem noch nachschmachtet. „Ein großer Schmerz“ auch für Feministen/innen.

Vorwissen über die bisherigen Filme ist also hilfreich, so versteht man etwa eine gespiegelte Szene im Gefängnis, aber nicht zwingend notwendig. Im Wesentlichen arbeitet man in einem für Schweiger-Verhältnisse fast schon gemächlichen Tempo dem erwartbaren Showdown entgegen. Schon nach wenigen Minuten steht dafür erstmals Helene Fischer im Bild: mit brünetten Haaren und giftgrünen Augen. Die Sängerin soll für zusätzliche Quote sorgen. Das wird vermutlich klappen. Ob der Film jedoch den Durchbruch für Helenes Schauspielkarriere bedeutet, darf man anzweifeln. Ihr Auftritt ist sicher nicht schlecht, aber eben auch kein Offenbarungseid. Drehbuchautor Christoph Darnstädt und Regisseur Christian Alvart lassen sie einen Charakter verkörpern, der kaum spricht und dabei hart und unnahbar erscheinen soll – eine Rolle wie gemacht für jemanden mit wenig Schauspielerfahrung also. Andererseits: Helene Fischers Charakter bleibt so kühl, würde man irgendwann innerhalb der Story enthüllen, dass Leyla ein Kampfroboter ist und sie „I’ll be back!“ sagen lassen, würde man ihr das auch abnehmen.

Behält denn keiner die Bösewichte mal im Auge?

Doch nicht nur Helene Fischers Charakter wird weitestgehend auf stumm geschaltet (apropos stumm: die Autoren benutzen doch in einer Szene für eine Gehörlose tatsächlich den Ausdruck „taubstumm“). Auch der heimliche Star der ersten beiden Filme, Fahri Yardim als Yalcin Gümer, kann im aktuellen Setting nicht so viel von seiner Stärke, den oft lustigen Bemerkungen, einbringen. Dies liegt vor allem daran, dass er nur wenige Dialoge mit Schweiger führt. In einem davon nennt er Tschiller übrigens „Schwarzer Ritter“, was der Arbeitstitel des Streifens war.

Was bleibt sind erwartungsgemäß untypische 90-Tatortminuten, die zwar nicht gerade durch ein ausgefallenes Drehbuch oder besondere Schauspielleistung, wohl aber durch gutes Regie- und Kamerahandwerk, sowie ein erkennbar höheres Budget kurzweilige Action-Unterhaltung bieten. Was bleibt sind schöne Bilder von Hamburgs Hafen. Was ebenfalls bleibt sind Logiklöcher, die groß genug sind, dass durch sie ganze Charaktere in den zweiten Teil schlüpfen können. Und es bleibt die Hoffnung auf einen packenderen zweiten Teil („Fegefeuer“) am kommenden Sonntag. Ob der nächste Tatort jedoch wirklich spannend wird, können wir wie eingangs erwähnt nicht sagen.

Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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