Ablesetermine in der Arbeitszeit: Das Problem der Single-Haushalte

Bild: Andreas Grieß
Debatte

Eigentlich soll man als Journalist ja Distanz zu dem haben, über das man berichtet. Manchmal stößt man aber auch auf Themen, da man selber Betroffener ist. So auch in nachfolgendem Fall. Dies sei zur Einordnung direkt vorweg gesagt. Andererseits: Wer kennt es nicht: Ein Techniker, Ableseservice oder ein Paket kommt just dann, wenn man nicht Zuhause ist. Was bei Paketen dank Lieferung an die Arbeitsadresse, eine Packstation oder zur Not Abholung in der Filiale noch nur mit geringen Umständen verbunden ist, wird in den anderen Fällen schnell zur Kostenfrage.

In meinem Fall kündigte sich im Hausflur das Unternehmen an, dass die Heizkostenverteiler abliest. Für einen Wochentag um 11 Uhr – sprich mitten zur Arbeitszeit. Der zweite Termin für alle, die zu diesem Zeitpunkt nicht anzutreffen waren, wurde wieder auf einen Wochentag an den Vormittag gelegt. Nachdem ich auch diesen verstreichen ließ, erwartete mich eine Mitteilung in meinem Briefkasten. Diese klang etwas patzig: Man habe mich “trotz rechtzeitiger und mehrfacher Benachrichtigung nicht angetroffen.”

Hamburg, Stadt der Single-Haushalte

Ja warum wohl? Weil ich zu dieser Zeit arbeiten muss – wie es wohl bei Vielen der Fall ist. Zudem lebe ich derzeit alleine. Und auch damit bin ich keine Ausnahme. Deutschlandweit gibt es laut Statistischen Bundesamt immer mehr Einpersonen-Haushalte. 2014 waren es demnach rund 16,5 Millionen, oder anders gesagt rund 40 Prozent aller Haushalten und fast zwei Millionen mehr als noch 2005.

In Städten ist der Anteil der Single-Haushalte noch höher. In Hamburg gab es laut Statistikamt Nord 2013 etwa 965.000 Haushalte – und in mehr als der Hälfte davon lebte nur eine Person. Für all diese Menschen gibt es, gehen sie zur üblichen Zeit Beruf oder Studium nach, nur drei Möglichkeiten:

  • Termin verstreichen lassen
  • Sich für einen 10-minütigen Termin frei nehmen oder
  • Freunde oder Verwandte auftreiben, die Zeit haben und in der Wohnung verharren

Und so verwundert es wenig, dass ich in kürzester Zeit im Internet viele Fragen von Personen finde, die ihre Ablesetermine nicht wahrnehmen konnten und fragen, was sie nun tun sollen.

Ungünstige gelegte Termine als Geschäftsmodell?

Unter diesen Gesichtspunkt beginne ich, hinter der Terminlegung des Ableseunternehmens ein Geschäftsmodell zu wittern. Denn es ist so: Nach den zwei Terminen kann man endlich(!) einen individuellen Termin ausmachen zu einem Zeitpunkt, an dem man Zeit hat. Der Haken: Dieser ist kostenpflichtig. In meinem Fall wurden dafür satte 60 Euro verlangt.

Die Benachrichtigung die ich erhalten habe nachdem ich zum zweiten Mal tagsüber statt in meiner Wohnung auf der Arbeit war

Die Benachrichtigung die ich erhalten habe nachdem ich zum zweiten Mal tagsüber statt in meiner Wohnung auf der Arbeit war

Alternativ würde man den Verbrauch schätzen und die Formulierungen sind so gewählt, dass der Verbraucher dazu neigen soll, lieber diesen kostenpflichtigen Termin zu nutzen. So heißt es eine Schätzung “kann für Sie zu finanziellen Nachteile [sic] führen”. Außerdem müsse in diesem Fall auch im Folgejahr geschätzt werden. Und unverholen wird noch gedroht, dass die Funktion der Rauchmelder durch die sonst ausbleibende, gleichzeitig durchgeführte Wartung beeinträchtigt sein könne. Das Unternehmen redet mir ins Gewissen: “Hierdurch können Menschenleben gefährdet werden.” Dumm nur: Im Vorjahr hat der Ableser sich keine Sekunde für meine Rauchmelder interessiert.

Verbraucherzentrale und Mieterverein halten Problem für klein

Für mich klingt das alles als Betroffener, wie eine Sache, in der dringend klare für die Verbraucher freundlichere Regeln her müssten. Allerdings scheint das Thema anderswo ger kein großes zu sein. Bin ich ein solcher Sonderfall mit für mein Empfinden und laut der oben aufgeführte Statistik eher normalen Lebensumständen? Bei den für Verbraucher und Mietern zuständigen Verbänden scheint das Problem jedenfalls nicht hoch eingeschätzt zu werden. Die Verbraucherzentrale in Hamburg teilt mit: “Im Sinne der Verbraucher wäre es natürlich wünschenswert, wenn die Ablesetermine flexibler gelegt werden könnten, aber das stoßen die Firmen wohl an personelle Grenzen.”

Auch der Mieterverein zu Hamburg hält das Problem für wenig gravierend. Er schreibt mir, in den meisten Fällen könne eigentlich ein Termin gefunden werden, der für die Mieter passe. Optimierungsbedarf sieht der Verein jedoch schon: “Leider ist es nicht gesetzlich geregelt, wann Ablesetermine vereinbart werden können.” Der Vermieter müsse auf die berufliche Situation Rücksicht nehmen, allerdings habe der Mieter auch eine Mitwirkungspflicht.

Ableseunternehmen: Schätzquote liegt unter zwei Prozent

Und was sagt das Unternehmen, das in meinem Fall zuständig ist? Ohne Verweis auf meinen persönlichen Fall frage ich an: Wie oft müssen die Ableser zu einem dritten, kostenpflichtigen Termin und wie oft wird der Verbrauch geschätzt? Von der zuständigen PR-Agentur bekomme ich Antwort: Das komme „ganz selten vor“. Die Schätzquote liege bei unter zwei Prozent. Die Ablesung müsse „ein Profi durchführen“, da es sich bei den Geräten „um keine Tarifzähler“ handle. Selber einen Zählerstand übermitteln, könne ich als Bewohner daher, anders als bei Strom oder Wasser mittlerweile, demnach nicht.

Ich frage auch, ob man bewusst in Kauf nehme, in Single-Haushalten niemanden anzutreffen und an Schätzung oder kostenpflichtigen individuellen Terminen zu verdienen. Antwort: „Sicher nicht, die Ablesetermine liegen zwischen 8 und 19 Uhr.“ Wie dieser Zeitraum ein „sicher nicht“ begründet, bleibt offen. Dafür gibt es noch eine Empfehlung als Reaktion: „In Gebäuden, bei denen sehr viele Single-Haushalte sind, ist sicher der Umstieg auf Funkzähler empfehlenswert.“ Allein: Das ist oft Sache der Vermieter.

Ich frage mich: Ist das Problem wirklich so klein, wie es die Vereine und Unternehmen darstellen? Kennt ihr das Problem? Wenn ja: Wie geht ihr damit um? Wir freuen uns über Erfahrungberichte. Gerne auch vertraulich per E-Mail.

Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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