Willkommen auf (Nord)Deutsch

Titelbild: Boris Mahlau © Pier53
Debatte, Kunst und Kultur

Von Jana Gebhard

Wie reagiert die bürgerliche Mitte hier im Norden, wenn in ihrem direkten Umfeld 53 Flüchtlinge untergebracht werden sollen? Die Hamburger Filmemacher Hauke Wendler und Carsten Rau sind dieser Frage in ihrem Dokumentarfilm „Willkommen auf Deutsch“ nachgegangen – der Film läuft seit dem 12.3 im Abaton und 3001 Kino.

Appel, ein beschauliches Dorf im Landkreis Harburg. Die Kamera folgt dem gemächlich schlendernden Hartmut Prahm durch die pittoreske Kulisse des Inbegriff eines friedlichen Dorfes: wohlgepflegte Vorgärten, Eichen biegen sich im Wind, gemütliche Häuser, nicht zu groß und auch nicht zu klein. Rund 400 Anwohner gibt es hier, keinen Supermarkt, keinen Bäcker. Hartmut Prahm bleibt vor dem derzeit ungenutzen Altenheim stehen: Hier sollen nun laut Beschluss des Landkreises 53 Flüchtlinge untergebracht werden. „Wir wollten einen Film machen, der mal nicht auf die Flüchtlinge, sondern auf die deutschen Anwohner abzielt“, erklärt Filmemacher Hauke Wendler.

Zusammen mit seinem Kompagnon Carsten Rau, mit dem er 2006 die Filmproduktionsfirma Pier 53 gründete, Kameramann Boris Mahlau und Cutter Stephan Haase hat der 47-Jährige bereits einige Filme realisiert, darunter das preisgekrönte Flüchtlingsdrama „Wadim“ im Jahr 2011. „Wir machen seit zehn Jahren Filme zum Thema Flucht und Migration und ich selbst beschäftige mich mit dem Thema schon seit Anfang der 90er Jahre, als Heime in Rostock, Mölln und Solingen brannten und Asylbewerber in Deutschland umgebracht wurden.“ Der Film Wadim endet mit dem Suizid des Protagonisten und den Worten dessen Bruders Georg: „Sie werden mit ihrem Film nichts an dem radikalen Ausländergesetz in Deutschland ändern, Sie werden für einen kurzen Moment Mitleid schaffen.“ Als Filmemacher wollte Hauke Wendler nicht einfach nur das nächste Schicksal erzählen, denn: Wie toppt man Elend? Reicht es, dass die Mutter einer Protagonistin in der Psychiatrie ist?

„Es hilft nichts, wenn wir uns im Westen hübsch zurücklehnen und auf ‘die blöden Nazis im Osten’ schimpfen.“

Im Sommer 2013 formten sich heftige Proteste gegen eine Asylbewerberunterkunft in Berlin-Hellersdorf: „Da haben wir uns entschlossen, einen neuen Dokumentarfilm zum Thema Flucht und Asyl zu drehen, der nicht nur auf die Flüchtlinge, sondern auch auf die deutschen Anwohner abheben sollte.“ Wendler führt weiter aus, dass sie diesen Film eben gerade nicht in Berlin-Hellersdorf oder in Gebieten mit einem hohen Anteil an NPD-Wählern machen wollten: „Unserer Meinung nach sind viele der Vorurteile gegenüber Ausländern und Asylbewerbern bundesweit verbreitet und da hilft es nichts, wenn wir uns im Westen hübsch zurücklehnen und auf ‚die blöden Nazis im Osten‘ schimpfen. Das sind gesamtgesellschaftliche Probleme und so wollten wir sie auch angehen.“ Die Schwiegereltern Carsten Rau´s erzählten den beiden Filmemachern vom Schicksal einer tschetschenischen Familie im Nachbarort Tespe: Eine Mutter mit sechs Kindern, untergebracht in der alten Sparkasse, und die Anwohner formen einen Protest. Damit war der Handlungsort im Landkreis Harburg gefunden, ein ganz normaler, überwiegend bürgerlicher Landkreis in Westdeutschland, in dem nun stellvertretend für die knapp 300 anderen Landkreise in Deutschland die Konflikte aufgezeigt werden.

Boris Mahlau (Kamera) und Hauke Wendler (Regie). / Foto: Torsten Reimers © Pier53

Boris Mahlau (Kamera) und Hauke Wendler (Regie). / Foto: Torsten Reimers © Pier53

„Das Thema ist kein Stoff, bei dem Dokumentarfilmer von Beginn an jubeln, weil sich ein schönes, spannendes Bilder an das nächste reiht. Im Gegenteil: Da geht’s erst mal darum, zuzuhören und diese langen Gespräche, die man da filmt, zu zerlegen und zu verdichten“, beschreibt Hauke Wendler die Herausforderungen bei den Dreharbeiten: „Und dann natürlich der Druck, dass einige unserer Protagonisten ständig vor der Abschiebung standen. Das geht einem gerade bei den Kindern sehr nahe, zumal Carsten Rau, mein Co-Regisseur, und ich selbst beide Kinder haben.“

„Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?“

Die Geschichten der Flüchtlinge stehen aber nicht im Vordergrund, erst im Publikumsgespräch im Abaton erzählte Hauke Wendler, dass das pakistanische Ehepaar Malik und Abida selbst eine NGO in Pakistan leitete. Stattdessen lauscht der Zuschauer über lange Passagen den Ausführungen von Reiner Kaminski, dem Leiter des Fachbereiches Soziales im Landkreis Harburg, oder wohnt Sitzungen der von Herbert Prahm anführten Bürgerbewegung gegen die Unterbringung von Flüchtlingen bei. Schwer auszuhalten, geradezu schmerzhaft ist der Moment in dem dieser zwei besorgte Mütter fragt, ob sie denn ihre Töchter noch alleine zur Bushaltestelle schicken würden, wenn das Heim belegt ist. Mit zusammengekniffenen Mündern und verschränkten Armen schütteln die Frauen die Köpfe. Und Bürgermeister Kolkmann dreht die Hysterie-Schraube noch etwas an und fragt: „Wie alt sind eure Töchter?“. Wer hat Angst vorm schwarzen Mann, ein Schulhofspiel aus Grundschulzeiten, es bleibt haften und hallt mal lauter, mal leiser in der gesellschaftlichen Debatte nach.

„Diese angeblich so weltoffene Stadt Hamburg hat zugelassen, dass ein restriktives Vorgehen gegenüber Asylbewerbern geprägt wurde, wie wir es aus kaum einer anderen deutschen Großstadt kennen.“

Hauke Wendler geht es bei seinem Film nicht um den erhobenen Zeigefinger gegenüber den Bewohnern Appels, viele Bedenken kann er nachvollziehen und 53 Flüchtlinge bei rund 400 Bewohnern können zu einer Belastung werden. Die Hamburger Politik nervt ihn schon lange: „Diese angeblich so weltoffene Stadt Hamburg hat es in den vergangenen 25 Jahren zugelassen, dass seitens der Ausländerbehörde ein restriktives Vorgehen gegenüber Asylbewerbern geprägt wurde, wie wir es aus kaum einer anderen deutschen Großstadt kennen. Da wurden Menschen nachts aus Betten geholt und abgeschoben, Familien getrennt und das alles nur, um die Abschiebezahlen nach oben zu treiben. Oder nehmen wir nur den Umgang mit den Lampedusa-Flüchtlingen. Ich finde das alles beschämend für die Politik und die Verwaltung in dieser Stadt.“

Video
Der Filmemacher wohnt mit seiner Familie in St.Pauli und es gefällt ihm dort, weil die Dinge nicht immer nur gradlinig verlaufen. Hamburg sei, gerade für den Dokumentarfilm, ein wichtiger Standort: „Im Gegensatz zu manch anderen Bundesländern haben wir in Hamburg mit der Filmförderung Hamburg Schleswig-Holstein eine Einrichtung, die sich bei der Unterstützung von Filmen nicht allein an wirtschaftlichen Kriterien, sondern auch an inhaltlichen orientiert. Das ist extrem wichtig, gerade für Dokumentarfilmer“.

Über den Verleih Sugar Brown Films wird der Film nun in 60 Kinos gezeigt, darunter auch das Abaton in Hamburg, wo am 17. März im Anschluss an die Vorführung Hauke Wendler beim „Film im Gespräch“ Rede und Antwort stand. Der Pressesprecher des Landkreises Harburg war auch anwesend und merkte an, dass Fachbereichsleiter Reiner Kaminski aufgrund schlechter Erfahrungen mit Journalisten eigentlich keine Interviews mehr geben wollte, dass ihn aber die unaufdringliche Art der beiden Filmemacher überzeugt hätte und dass er so genug Vertrauen fassen konnte. So viel, dass er am Ende des Films, die Kamera war eigentlich schon aus, aus der Bürokratenhaltung aussteigt und sagt: „Wir müssen das Ausländerrecht reformieren.“

Kinotermine in Hamburg
Abton ab 12.03.2015 |  17:00 Uhr
3001 Kino ab 15.03.2015 | 16:45 Uhr
Abaton 30.03.2015 | 20:00 Uhr (mit Regisseur Hauke Wendler)
Abaton Schulkino 26. und 27.03.2015 | 09:00 Uhr (mit Regisseur Hauke Wendler)
Blankeneser Kino 04.05.2015 | 18:00 Uhr (mit Regisseur Hauke Wendler)
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Dieser Text wurde von einem Gastautor verfasst.

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