Social Media Week: Mehr Anarchie wagen!

Bild: Andreas Grieß
Netzleben

Fünf Tage voller Diskussionen, Vorträge und Workshops der diesjährigen Social Media Week in Hamburg sind vorbei. Insgesamt rund 3.000 Gäste sind laut Veranstaltern auf den Events gewesen. Und nach der Social Media Week ist bekanntlich vor der Social Media Week. Zumindest tut eine solche Veranstaltung unserer Stadt sehr gut und so kann man nur hoffen, dass auch 2016 wieder eine solche in Hamburg stattfindet. Doch welche Erkenntnisse bietet 2015 für die Veranstaltung? Wir haben uns in den vergangenen Tagen umgehört und natürlich auch eigene Erfahrungen gemacht und fassen einige lobenswerte Punkte, aber auch eine Handvoll häufig genannter Kritikpunkte zusammen.

Gut kommt weiterhin an, dass alle Veranstaltungen kostenlos sind. Das ist für ein Event von diesem Format alles andere als selbstverständlich. Dennoch müssen die Veranstalter dafür wohl mittlerweile einige Kröten schlucken. Mehr dazu gleich. Lobenswert ist auch die gute Vernetzung in Hamburg und mit Medienpartnern (Disclaimer: Wir waren ebenfalls einer). Man kann davon ausgehen, dass ein Großteil der Hamburger vorab informiert war, dass die Social Media Week stattfindet und auch zumindest einen groben Eindruck hatte, worum es dabei geht. Die Präsenz in der Stadt ist groß.

Das liegt zum Teil auch am dezentralen Aufbau der SMW. Der macht es vielen jedoch nach wie vor schwer, mehrere Sessions zeitnah zu besuchen. Zwar bemühten sich die Veranstalter, Thementage zu legen. In vielen Fällen mussten Teilnehmer dennoch quer durch die Stadt reisen, was neben dem entstehenden Zeitverlust auch viel Kraft kostet. Ernüchtert ist es besonders dann, wenn, wie mir passiert, eine Diskussion einfach eher begonnen wird.

Mehr selbstgehostete Events könnten identitätsstiftend sein

Gleichsam sind einige Vorteile des leicht anarchischen, dezentralen Aufbaus mittlerweile verloren gegangen. Offenbar sollen Veranstaltungen nur noch in den Orten der Partner und Sponsoren stattfinden. Die Folge: Spontane, selbst organisierte Veranstaltungen von Firmen oder Redaktionen schaffen es nicht mehr in das Timetable, es sei denn sie lassen sich wie andere Sessions auch einsortieren. Der Modus, dass Unternehmen ihre Türen für eine einzelne Session öffnen, die zwar unter dem Rahmen der SMW läuft, sonst aber autark organisiert ist, fällt weg. Das ist schade, weil auf diese Weise die Social Media Week noch stärker verankert wäre und Teilnehmern öfter ein Blick hinter die Kulissen geboten würde.

Eine etwas anarchischere Social Media Week mit mehr selbst gehosteten Events könnte identitätsstiftend für die Medienbranche in Hamburg sein. Derzeit läuft die Veranstaltung eher Gefahr, aufgrund ihrer wachsenden Beliebtheit zur internen Filter Bubble zu verkommen. Einige Events wurden zu großen Teilen nur über Einladungen belegt. Klar könnte andersnfalls noch mehr Eigenwerbung der präsentierenden Unternehmen aufkommen, doch wer zur Agentur XY geht, erwartet das vielleicht auch eher und nimmt es in Kauf, als wenn er an einer „neutralen“ Location eine Session besucht. Ohnehin seien viele Veranstaltungen sehr von Eigen-PR getrieben gewesen, berichteten Teilnehmer. Dies sei schlimmer geworden. An die präsentierenden Unternehmen gerichtet lässt sich jedoch festhalten: Das wirkt kontraproduktiv.

Aufreger: Buchungs-System

Ein weiterer, wenn nicht der Aufreger, war das Buchungssystem. Schon im Vorfeld hatte dies für einigen Ärger gesorgt, da die Anmeldung zum Teil nicht klappte und Bestätigungsmails ausblieben. Einige Events kamen erst verspätet ins Timetable. Wartelisten für ausgebuchte Events gibt es nicht, dafür werden irgendwann wieder Plätze freigegeben – was man aber erst einmal mitbekommen muss. In der Woche zeigte sich dann, dass die gesamte Buchungsaktion ohnehin weitestgehend überflüssig war. Ausgebuchte Veranstaltungen hatten zum Teil noch viele Plätze frei. Oft auch, weil Leute trotz Interesse nicht hin gingen, da sie dachten, nicht mehr rein zu kommen. Andersherum konnte es auch passieren, dass man in Events bei leichter Verspätung trotz Registrierung wegen Überfüllung nicht hinein kam. Wofür dann eine Buchung? Damit einige Partner im Vorfeld Plätze für bereits ausgebuchte Events verlosen dürfen? Unser Vorschlag: Im nächsten Jahr die Vorab-Registrierung ganz weg lassen oder auf 10-20 Prozent der Plätze als „Gästeliste“ mit sicherem Einsatz beschränken. Die können dann, wenn es sein muss, auch über Sponsoren verteilt werden.

Die Social Media Week 2015 war erneut eine tolle Veranstaltung, die sich in ihrem Charakter von Events wie dem Scoopcamp oder der re:publica in Berlin abhebt und diese dadurch wundervoll ergänzt. Das Besondere, das Andere an der SMW sollte gestärkt und nicht geopfert werden. Daher sollte das Credo für das kommende Jahr lauten: Mehr Anarchie wagen!

PS: Danke für alle, die zu unseren Sessions gekommen sind und an die vielen tollen Speaker und Organisatoren.

Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

2 Kommentare

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