Welcher Song ist deine U-Bahn? Hamburg Edition

Bild: Andreas Grieß
Stadtgefühl

Vor kurzem hat Ayke Süthoff auf Vice eine entsprechende Berlin-Edition zu dieser Frage veröffentlicht. In der Einleitung des Textes ist zu lesen: „Die U-Bahn ist der erbarmungslose Spiegel unserer Gesellschaft. Sie transportiert die schamlose Wahrheit von A nach B.“ So seien verschiedenste, häufig unangenehme Zeitgenossen dort anzutreffen. Aber, so Ayke Süthoff: „Jede Linie ist anders, jede Linie repräsentiert andere Stadtteile, andere Stadtteilbewohner, andere Lebensstile und dadurch auch andere Musik.“

Das ist nicht nur in Berlin der Fall, sondern auch in Hamburg. Zugegeben, wir haben deutlich weniger verschiedene U-Bahn-Linien als die Hauptstadt. Dennoch hat auch hier jede Linie ihren eigenen Charakter, zum Teil sogar zu erkennen anhand der unterschiedlichen Züge, die darauf fahren. Nachfolgend der Hamburg-U-Bahn-Soundtrack.

U1: Casper – Hinterland

Video

Wer sich in Hamburgs Zentrum bewegt, verbindet die U1 mit Stationen wie Jungfernstieg, Stephansplatz, Kellinghusenstraße oder Wandsbeker Chaussee. Aber die U1 ist mehr als eine schnelle unterirdische Version der U3. Seinen eigentlichen Charakter erhält die Linie aus den Endstationen, die je nach Zeitpunkt variieren und ob sie nun Fuhlsbüttel Nord, Ochsenzoll oder Norderstedt Mitte einerseits oder Volksdorf, Ohlstedt oder Großhansdorf andererseits, von Innenstädtern nur als „irgendwo da oben“ angesehen werden.

Für viele sind diese Ziele jedoch der tägliche Trip nach Hause – raus aus der hektischen Stadt („So müde von der Stadt, die nie schläft“) rein ins Hamburger Hinterland („Gemeinsam vor’m Ende der Welt, Willkommen zu Haus“). Wenn die U1 wieder oberirdisch ist, durch die City Nord fährt oder am anderen Ende durch Wandsbek-Gartenstadt („Mit großen Augen zwischen Bahnschienen und Schrebergärten“) und von dort aus noch viel weiter, weiter, weiter. Schon so mancher staunte, als er mit dem Auto gen Norden fuhr und noch nach langer Fahrt am Rand die weißen DT4-Züge der Hochbahn erblickte („wo die Zeit scheinbar nie vergeht“).

U2: Materia – Kids (2 Finger am Kopf)

Video

Die U2 verbindet Gegensätze: Das vermeintliche(!) Problemviertel Billstedt („Randale und Krawall, die Zeiten sind längst vorbei“) einerseits und Niendorf mit einem unterdurchschnittlichen Ausländer- und Arbeitslosenanteil andererseits („Niemand hat ’nen Trichter — alle saufen Wein“). Wer diese Strecke komplett durchfährt, erlebt verschiedenste Seiten von Hamburg und muss feststellen, dass der „Digger“-sagende Jogginganzuträger womöglich hilfsbereiter ist, als der in Eile befindliche Anzugträger, der an den Messehallen aussteigt. Plattenbau, der zumindest für Filmkulissen eines Hamburger Ghettos taugt, auf der einen Seite, Doppelhaushälften auf der anderen („Alle mähen Rasen, putzen ihre Fenster“).

Wie Wasserscheiden liegen die Umstiegsstationen Schlump, Hauptbahnhof und Berliner Tor zwischen den Welten, in denen sich die vielen anderen berufspendelnden aussortieren. In der U2 heißt es zusammen rücken. In der Rushhour ist es nirgends so voll wie in dieser Linie. Sitzplatz? Sei froh, wenn du überhaupt rein kommst („Leben die kleinen Träume, verbrennen die großen Pläne“). Die U2 ist die Innenstadt-Linie. Vielleicht ist es bezeichnend, dass sie mit der „Hinterland-Linie“ U1 keine einzige Station gemein hat (Hauptbahnhof und Jungfernstieg zählen ja nicht wirklich ob der Entfernung zwischen den Bahnsteigen).

U3: Kettcar – An den Landungsbrücken raus

Video

Die U3 Station Landungsbrücken lässt diesen Song natürlich logisch erscheinen. Kettcar sind Hamburg und die U3 ist Hamburg. Hier liegen neben Landungsbrücken auch die Stationen St. Pauli, Feldstraße, Sternschanze, Rathaus, Mönckebergstraße und Borgweg (Stadtpark). Wer als Tourist nach Hamburg kommt, fährt mehrfach U3 und so trifft man in der U3 auch regelmäßig Touristen („Aufstehen, atmen, anziehen und hingehen)“, die sich ebenso regelmäßig in Barmbek verirren, weil sie nicht wissen welche U3 jetzt wo hin fährt („will Sätze die sagen: Das war’s!“).

Aber auch wer nach Hamburg zieht, das erste Mal auf den Kiez geht oder in der Schanze etwas trinken will. Wer im Sommer zum Stadtpark fährt oder eben an den Hafen, wird einige seine ersten Erfahrungen mit der U3 verbinden („als man ankam wollte man werden, die Geschichte schreiben, die doofen sollen sterben, der Plan, als man damals nach Hamburg kam“).

Und ob Tourist, Neu-Hamburger oder langjähriges Nordlicht: Wenn die Hochbahn aus dem Tunnel rausfährt und entlang des Hafens wieder Hochbahn ist und eine wunderbare Aussicht bietet, schauen sie alle träumerisch nach draußen („Dieses Bild verdient Applaus“).

U4: DJ Sakin & Friends – Nomansland

Video

Ein ziemlich alter Titel für die neuste U-Bahn-Linie Hamburgs. Dennoch sehr passend. Wie die U2 startet die U4 im Osten der Stadt. Für den Part, dem Materia nicht zusagt, ist der hämmernde Beat des Technolieds das richtige. Er passt zudem zu den Kopfhörern der Bahngäste, die größer sind als die Musik-Player – als Nomansland erschien war es noch anders herum.

Der Text passt zum anderen Ende der Strecke. Die U4 führt in die Hafencity, einen Stadteil, den Hamburg seit Jahren hypt, für den Durchschnitts-Hamburger jedoch weitestgehend bedeutungslos ist („Lost in my dreams / I see you there“): Weihnachtsmärkte, die mehr Stände als Besucher haben und Wohnungen, die mehr kosten als Häuser auf der anderen Seite der Elbe – das findet man hier. Steigt man aus der U-Bahn, muss man zunächst viele, viele Meter in die Höhe steigen. Nirgendwo ist die U-Bahn so U- wie in den neuen Stationen der Hafencity. Ist man dann auf Grundniveau, ist man – irgendwo im Niemandsland / Nomansland. Im Übrigen kann no-mans-land übersetzt auch Teufelskreis bedeuten. Auch das passt ja irgendwie zur Hafencity.

U5: Linkin Park – A light that never comes

Video

Nun, bei dem Titel und angesichts der Tatsache, dass es noch keine U5 gibt, ja wohl selbsterklärend.

  • Anzeige


Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

3 Kommentare

  1. Pingback: Woanders – diesmal mit einer Insel, U-Bahnen, spinnerten Büchern und anderem | Herzdamengeschichten

    • Andreas Grieß

      Ui… das sind ja noch viel mehr und über die beiden Stammstrecken gehen ja fast alle. Mal überlegen 😉

Schreibe einen Kommentar


Captcha: Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.