1. Mai Demo: Wieder eine Schanze vertan

Bild: Esther
Debatte

Und wieder einmal hat Hamburg sich von seiner schlechten Seite präsentiert. Kaum ein halbes Jahr nach den Krawallen während der Großdemonstration rund um die Rote Flora, Lampedusa und die Esso-Häuser, gab es gestern in der Sternschanze erneut Auseinandersetzungen zwischen gewaltbereiten Randalierern und ebenso aggressiv auftretender Polizei, die mit mehreren Hundertschaften im Einsatz war.

Die Vorabenddemonstration zum 1. Mai, die von Altona aus unter dem Motto „Freedom of Movement now!“ zum Park Fiction am Hamburger Hafen zog, verlief bis auf wenige Ausnahmen ohne störende Zwischenfälle. So warfen Unbekannte mit Böllern und zündeten Silvesterraketen, fünf Menschen wiederum mussten dank des Einsatzes von Pfefferspray seitens der Polizei von Sanitätern behandelt werden. Größere Auseinandersetzungen wurden von der Polizei allerdings bereits im Vorfeld für den Donnerstag erwartet.

Das „Bündnis gegen imperialistische Aggression“ und ähnliche Gruppierungen hatten dazu aufgerufen, am Donnerstagabend gegen die „Monopolbourgeoisie, ihren Staat, ihre Parteien und Institutionen“ zu demonstrieren. Die Demonstranten zogen unter dem Leitgedanken „Das Proletariat hat kein Vaterland“ von der Feldstraße Richtung Schanzenviertel, wurde allerdings schon am Neuen Pferdemarkt gestoppt, nachdem ein Countdown über Mikrofone angezählt wurde „…,3,2,1 KÄMPFT!“ und der vorderste Block der Demonstranten auf Polizeibeamte losgestürmt ist. Diese wiederum löste die Kundgebung unter Einsatz von Wasserwerfern, Tränengas und Schlagstöcken auf und kesselte die Demonstranten ein. Wie in den Jahren zuvor waren es insbesondere die Anhänger der Antiimperialisten, einer als besonders gewaltbereit geltenden Gruppierung innerhalb der linksradikalen Szene, die die friedliche Demonstration störten und die Konfrontation mit der Polizei suchten.

Noch immer gezeichnet von den Auseinandersetzungen im Dezember könnte man meinen, die Sternschanze resigniert vor der sinnlosen Zerstörungswut halbstarker, gewalttätiger Jugendlicher. Wozu kaputte Schaufenster ersetzen, wenn sie wenige Monate später erneut beschädigt werden? So wurde sich nach der Demo kurz vor Weihnachten oftmals gar nicht erst die Mühe gemacht bzw. das Geld aus dem Fenster geworfen. Zu Recht, denn schon wie in den Jahren zuvor wurde gestern Abend vieles, was nicht niet- und nagelfest war, zu Barrikaden errichtet zum Teil angezündet, oder als Wurfmittel genutzt – gegen die Polizei, gegen Demonstranten aus vermeintlich eigenen Reihen oder eben gegen ansässige Ladengeschäfte, die Hassobjekte jeder Versicherungsanstalt.

Vom Ursprung des 1. Mai ist inzwischen Nichts mehr übrig geblieben. Seien wir mal ehrlich – wer der gestern Anwesenden hat über die Arbeiterbewegung, über menschenwürdiges Dasein oder über Sozialpolitik nachgedacht, bevor er sich die Kapuze tief ins Gesicht gezogen und Bierflaschen gegen Polizisten geworfen hat? Im Gegenteil – der ursprüngliche Protest- und Gedenktag ist in den letzten Jahren zu einer Gewaltorgie pervertiert worden, bei der nicht mehr zu unterscheiden ist, wer Opfer und wer Täter ist. Bei den Auseinandersetzungen zwischen vermummten Jugendlichen und mit Schlagstöcken bewaffneter Polizei war kaum einer dabei, der sich für eine Deeskalation der Lage eingesetzt hat. Zahlreiche Schaulustige haben das Bild komplettiert – 1. Mai in Hamburg: eine Show für Gaffer und Attraktion für Touristen.

Während die Antifa in Städten wie Dortmund, Kaiserslautern oder Rostock dazu aufgerufen hatte, die armselige Tradition der Naziaufmärsche mit Gegendemonstrationen zu verhindern, ist die 1. Mai-Demo in Hamburg nur noch zu einem entpolitisierten Spektakel zahlreicher vermeintlich linksautonomer Radikaler verkommen, denen es nur um die Auslebung von Gewalt geht und die es billigend in Kauf nehmen, dass unschuldige Passanten und Anwohner verletzt werden. Damit werfen sie nicht nur ein schlechtes Bild auf die Hansestadt, sondern erreichen zudem, dass die mediale Berichterstattung seitenweise über die kriminelle Energie asozialer Jugendlicher berichten muss, anstatt auf die durchaus brisanten Themen, die auf den Kundgebungen angesprochen wurden, eingehen zu können. Herzlichen Glückwunsch!

Traurige Bilanz des Abends laut Polizei und Sanitätern:

  • mehr als 50 verletzte Demonstranten
  • 20 verletzte Polizisten
  • 15 Festnahmen
  • 2 brennende Autos
Über

Die gebürtige Kölnerin und bekennende Globetrotterin hat die letzten fünf Jahre in Hamburg verbracht, bevor sie im Herbst 2014 die Stelle der Online-Redakteurin an der Hochschule Harz angetreten ist. Ihrer Wahlheimat bleibt sie allerdings treu und schreibt weiterhin für verschiedene Online-Portale rund um die Hansestadt.

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