„Kaltstart“ – Dies hätte ein guter Hamburg-Tatort werden können

Bild: NDR/Boris Laewen
Kunst und Kultur

„Kaltstart“ heißt der dritte Tatort-Fall von Thorsten Falke und Katharina Lorenz, dargestellt von Wotan Wilke Möhring und Petra Schmidt-Schaller. Und auch wenn die Schauspielleistung gut und die Regie (Marvin Kren) sogar sehr gut ist, lässt einen dieser Film – um es mit dem Titel zu beschreiben – kalt – und zwar von Beginn an.

Wer sich als Zuschauer nicht vorab informiert hat, dass dies ein Falke/Lorenz-Tatort ist, wird zunächst womöglich denken, die ARD hätte erneut ein neues Ermittlerteam eingeführt. Der Film beginnt mit irgendwelchen bisher nicht gesehenen Polizisten, die Verdächtige beschatten und kurz darauf eine Wohnung stürmen. Erst nach sechs Minuten treten die eigentlichen Hauptdarsteller in Erscheinung. Und dabei erfahren die Zuschauer nur nebenbei, dass die Ermittler nun zur Bundespolizei gewechselt sind. Warum? Weiß keiner. Und wieso Katharina Lorenz, die zwei Fälle vorher nur eine Praktikantin war, problemlos mit wechselt, bleibt ebenso ein Geheimnis der Drehbuchautoren Volker Krappen und Raimund Maessen.

In Sachen Kontinuität enttäuscht der „Hamburg-Umland“-Tatort – einzig auf Falkes Vorliebe zu Milch wird erneut Bezug genommen. Interessante Storyelemente aus „Feuerteufel“, dem gelungenen ersten Fall, wie etwa Falkes Sohn, werden hingegen nicht weiter verfolgt. Ein Blick auf den Dortmunder Tatort zeigt, wie es besser geht und wie Nebenhandlungen und Charakterentwicklungen intelligent weitergeführt werden können. Im Falke/Lorenz-Tatort taucht dafür erneut Jan Katz (Sebastian Schipper) als dritter Ermittler auf. Eben jener bester Freund des Hauptermittlers, den die Autoren im Premierenfall noch unter großem Drama aus dem gemeinsamen Dienst mit Falke haben ausscheiden lassen. Und nun? Nun lassen sie ihn unter verschiedenen Zufällen doch jedes Mal mit ermitteln. Warum? Weiß erneut keiner.

Tötet Jan Katz!

Mit etwas Mut hätte man dem Charakter in diesem Film jedoch eine wichtige Rolle zukommen lassen können: Als Leiche. Im Gegensatz zu „Game of Thrones“ sind Hauptdarsteller in deutschen Serien aber noch unsterblich und so muss eine der eingangs erwähnten bislang unbekannten Polizistinnen sterben, was Kommissar Falke aufgrund persönlicher Vergangenheit total fertig macht. Den Zuschauer aber lässt es kalt (Stichwort: Kaltstart), da er keine Bindung zu eben diesem Charakter aufbauen konnte. Der Effekt der persönlichen Betroffenheit funktioniert daher eher mäßig.

Besser klappt die Erzählstruktur, die sich die Macher überlegt haben. Da ist einerseits der eigentliche Fall, der verschiedene Personen involviert: Arbeiter, denen am JadeWeserPort eine goldene Zukunft versprochen wurde und die nun vor verlorenen Existenzen stehen, schweigsame Schleuser und Flüchtlinge, die wieder auf ihre Abschiebung warten. Andererseits gibt es aber, für den Zuschauer ersichtlich, noch andere Akteure im Hintergrund, denen die Ermittlungen offenbar so gar nicht in den Kram passen. Dadurch werden Krimi-Elemente mit denen eines Politthrillers kombiniert. Die große Verschwörung „der da oben“ taugt noch immer für spannende Unterhaltung und macht den Film trotz des liegen gelassenen Potentials sehenswert, wenngleich am Ende vielleicht doch ein bisschen zu dick aufgetragen wird. Ich will nicht zu viel verraten, daher nur das: Am JadeWeserPort fliegen offenbar Killerdrohnen rum!

Holt Falke zurück nach Hamburg!

Apropos Drohnen: Der JadeWeserPort in Wilhelmshaven wird mit tollen Luftaufnahmen eindrucksvoll dargestellt. Wie zuletzt alle der Hamburger Tatorte, ob mit Til Schweiger oder Wotan Wilke Möhring: Es gibt es tolle Zeitraffer und Panoramaaufnahmen als Schnittbilder, für die sich ein großer Fernseher und HD-Qualität lohnen. Ermittler Falke, der in Hamburg aufgewachsen sein soll, hält dies freilich nicht davon ab, über den weitestgehend ungenutzten Hafen zu lästern.

Containerhafen, das Thema Flüchtlinge, ein Ur-Hamburger Ermittler: Der neue Tatort hat eigentlich viele Elemente, um ein aktueller Hamburg-Tatort zu sein. Leider spielt er jedoch nicht hier. Wie schon im zweiten Fall des Teams ist der Begriff „Hamburger Umland“ sehr weit gefasst. „Kaltstart“ spielt, wie schon erwähnt, in Wilhelmshaven. Nicht, dass diese Stadt keinen Tatort verdient hätte, aber auf Dauer funktioniert der „Ur-Hamburger“-Charakter eben am besten in seiner Stadt. Im letzten Fall gab es wenigstens eine Szene dort, dieses Mal bleibt der einzige klare Hamburg-Bezug das KFZ-Kennzeichen der Ermittler.

Die Organisation der Hintermänner aus „Kaltstart“ wäre im Übrigen sehr gut geeignet, um künftig immer wieder als Gegenspieler von Falke und Lorenz aufzutreten. Da man bisher jedoch nicht sehr auf fortlaufende Handlungselemente gesetzt hat, wird man im vierten Fall, der in Oldenburg spielen soll und zur Zeit in Produktion ist, wohl wieder bei null anfangen. Der Krimi soll Ende des Jahres gezeigt werden. Ach ja: Jan Katz ist dann auch wieder dabei. Der bereits gedrehte wohl fünfte Fall „Frohe Ostern, Falke“ spielt im Frühjahr 2015 wieder in Hamburg. Immerhin.

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Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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