Hamburgs Nahverkehrs-Wunschkonzert: Teil 2: Stadtbahn

Bild: MArtin Krauß
Debatte

Nachdem ich gestern im ersten Teil die SPD- bzw. Scholz-Pläne für den Nahverkehrsausbau betrachtet habe, kommen wir heute in Teil 2 zu den Überlegungen der CDU. Die fordert – und das ist eigentlich sehr witzig – den Bau einer Stadtbahn. Warum das witzig ist? Nun, weil eben jene CDU die letzten Bemühungen eine solche Stadtbahn zu bauen gecannelt hat. Jetzt verkündet die Partei: „Die CDU hat aus dem gescheiterten Planungsversuch von 2008 bis 2011 Lehren gezogen. Wir sind der Auffassung, dass damals nicht das System gescheitert ist, sondern die Trassenauswahl falsch war und zudem zu wenig Rücksicht auf die Menschen entlang der geplanten Strecke genommen wurde.“ Also wieder alles auf Start. Doch wie sehen die Stadtplanpläne Version 2014 aus?

Die Stadtbahn und U-Bahn-Elbsprung

Die CDU will, so sieht es ihr jüngst vorgestelltes Konzept vor, mit der Stadtbahn zunächst Lurup, Osdorf, Steilshoop und Bramfeld ans Netz anschließen. Weiter heißt es: „Mit einer späteren Erweiterung wollen wir diese Linie dann auch über Farmsen bis nach Rahlstedt (Großlohe, Boltwiesen) führen und weitere neu erschlossene Wohngebiete anbinden.“ Die Stadtbahn soll aber nicht nur für neue Strecken genutzt werden, sondern insbesondere, um Metrobusse zu ersetzen.

Auch wenn die Stadtbahn das Herzstück des CDU-Verkehrskonzepts ist, soll sie nur ein Teil des Plans sein. In anderen Punkten liegt es durchaus auf oder nahe der derzeit von der Stadt verfolgten Linie. Zu lesen ist: „Wir möchten mit der Planung der Stadtbahn ausdrücklich nicht den weiteren Ausbau von U- und S-Bahnen ersetzen, sondern halten eine Niederflurstadtbahn für eine sinnvolle Ergänzung. Die CDU fordert daher auch weiterhin den Ausbau der U4 über den Reiherstieg nach Wilhelmsburg, Kirchdorf und Harburg, die Elektrifizierung der AKN-Strecke nach Kaltenkirchen und natürlich die Realisierung der S4 über Ahrensburg nach Bad Oldesloe und später bis nach Lübeck.“

Vor- und Nachteile

Eine Bahn auf Straßen-Niveau wäre barrierefreier und böte beim Bau die Gelegenheit, gleichzeitig städtebaulich tätig zu werden. Auf der Vorteilsseite sehen die Befürworter aber vor allem die Kosten und die Bauzeiten: „Mit einer Niederflurstadtbahn kann die Stadt mehr Stadtteile kostengünstiger erschließen und schneller verbinden, als mit jeder anderen Variante“, so die CDU. Laut ihr hätten Anwohner maximal zwölf Wochen eine Baustelle vor der Tür. Die Gesamtbau- und Planungszeit wird jedoch nicht beziffert. Dennoch wäre eine Stadtbahn sicher die einzige Variante, die in absehbarer Zeit bereits den Verkehr entlasten könnte.

Der Haken: Die Stadtbahn bietet zwar Vorteile gegenüber den zurzeit eingesetzten Busse (laut CDU 40 Prozent geringere Fahrzeit, sowie mittelfristig Kostenersparnis und eine bessere Umweltbilanz), langfristig würde aber wohl auch sie an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen und bringt zudem meist längere Fahrzeiten mit sich, als eine U-Bahn, vor allem für längere Strecken. Ein U- und S-Bahn-Ausbau soll auch deshalb dennoch kommen. Die SPD kritisiert ihren Gegner in diesem Punkt. Martina Koeppen, verkehrspolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, sagt: „Alle, die jetzt im Hau-Ruck-Verfahren eine Stadtbahn wollen, fordere ich auf, ehrlich zu sein: Sagen Sie, was dann aus S4 und S21 werden soll. Denn es dürfte ja wohl allen klar sein, dass für den S-Bahn-Ausbau dann das Geld fehlt, wenn gleichzeitig ein zusätzliches Milliardenprojekt wie die Stadtbahn kommen soll.“

Fazit

Mit einer Straßenbahn käme neben S- und U-Bahn (und Bussen) ein weiterer Verkehrsträger hinzu. Das bedeutet: es braucht neue Fahrzeuge, ausgebildete Fahrer(innen) und aller Voraussicht nach eine Ausschreibung angesichts der verschiedenen existierenden Systeme. Auch wer die Stadtbahn letztlich betreiben würde, ist nicht sicher. Zusammengenommen ergäbe sich eine Investition, die möglicherweise zwar realisierbar ist, die Frage ist jedoch: Ist sie auch gewünscht? Bei einer repräsentativen Umfrage der Handelskammer gaben jüngst über die Hälfte der Befragten an, sie fänden es wichtig, dass 2030 auf den heute stark belasteten Busstrecken eine Stadtbahn fährt.

Die Stadtteile Lurup, Osdorf und Steilshoop werden jedoch wohl kaum U-Bahn und Stadtbahn bekommen. An das ganz schnelle Nahverkehrs-Netz käme diese Teile Hamburgs beim Bau einer Stadtbahn in diesen Gegenden womöglich nie. Die Stadtbahn ist ein mittelfristiges Projekt, das zwar Verbesserungen mit sich bringt, jedoch nicht den ganz großen Wurf darstellt. Das weiß auch die CDU, weshalb sie zudem einen Ausbau von U-Bahn (nach Süden) und S-Bahn (nach Norden) fordert. Regnet es nicht von irgendwoher Geld, würde die Stadtbahn vermutlich den Ausbau der anderen Netze jedoch zumindest verzögern.

Die Frage, die sich Hamburg stellen muss, ist also womöglich: Was ist ihr wichtiger, ein zeitnaher Ausbau mit einer Stadtbahn oder ein langsamerer Ausbau des U-Bahn-Netzes? Und ist Hamburg bereit, für eine Stadtbahn den Ausbau in der Metropolregion aufzuschieben? Wenn ja, sollte die Politik jedoch nicht noch einmal zögern, denn langfristig dürften sich die Prioritäten sicherlich immer weiter Richtung Elbsprung und U-/S-Bahn-Ausbau verschieben. Wenn sie nicht gar bereits da liegen, wie die SPD behauptet.

Angesichts der politischen Lage glaube ich, dass es keine Senats-Mehrheit für ein Stadtbahn-Großprojekt mehr geben wird. Aber ausschließen, dass sich der Wind wieder drehen wird, möchte ich nicht. Vielleicht wird es ja auch eine Zwischenlösung geben. Dazu morgen mehr.

Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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