Ausschreitungen in der Gefahrenzone: So this is Christmas (War is over)

Bild: Elbmelancholie
Debatte

Am heutigen Samstag kam es in Hamburg, vor allem im Schanzenviertel, zu Ausschreitungen. Den berechtigten Anliegen vieler der Demonstranten wurde dadurch ein Bärendienst erwiesen. Das Konzept Demonstration – in Hamburg funktioniert es derzeit nicht mehr. Jeder sollte sich nun Gedanken machen, warum das so ist.
Ein Kommentar.

Es entbehrt nicht einer traurigen Ironie, dass es ausgerechnet der kürzeste Tag des Jahres war, an dem sich in Hamburg einmal mehr Polizei und Demonstranten gegenüberstanden und es zu Ausschreitungen kam. Ich muss an dieser Stelle deutlich machen, dass ich nicht vor Ort war. Ich weiß nicht, wer provoziert hat, wer „angefangen“ hat und wer unverhältnismäßig reagiert hat. Es ist mir – und sicher vielen anderen – aber auch vollkommen egal. Stadtweit bekannt sein dürfte mittlerweile, dass es auf beiden Seiten Verletze gab, dass es zu Sachschäden kam, Straßen- und Nahverkehr auch für Unbeteiligte lange Zeit eingeschränkt waren und die ganze Sache sicherlich eine Menge Steuergelder verbraucht hat. Den Lampedusa-Flüchtlingen hingegen ist nicht geholfen worden, ebenso wenig den Bewohnern der Esso-Häuser. Und auch die Lage der Flora-Besetzer, mit denen die meisten Demonstranten sicher noch nie in ihrem Leben gesprochen haben, hat sich nicht verändert.

Besonders traurig: Was passiert ist, war in keinster Weise unerwartet. Vielmehr wirkte es so, als hätten gewisse Kräfte geradezu auf die Gewalt hingefiebert. Die gesamte Innenstadt wurde zum Gefahrengebiet erklärt. Ob das klug war oder nicht, kann man diskutieren. Aus der Luft gegriffen war es sicher nicht, wie einige zunächst behaupteten. Die Mopo präsentierte im Vorfeld in einer Gegenüberstellung Zahl, Taktik und Ausrüstung von Demonstranten und Polizei. Es fehlte eigentlich nur noch der Infokasten „Test: Welche Krawall-Seite passt besser zu mir?“ Und am Tag der Demonstrationen selbst berichteten gleich mehrere Online-Medien in Live-Tickern. Hier sollte die Frage erlaubt sein, ob das noch einem berechtigten Informationsinteresse dient oder ob es nicht vielmehr emotionsmultiplizierender Voyeurismus ist.

Wer am Samstag zu den Demonstrationen ging, war sich darüber im Klaren, dass es zu Ausschreitungen kommen konnte. Eine Lampedusa in HH-Demo wurde auch deshalb sogar von den Veranstaltern abgesagt. Und wer zu den Demonstrationen mit Böllern und vermummt einerseits oder mit Räumfahrzeugen und Wasserwerfern andererseits ging, hielt Gewalt nicht nur für möglich, sondern womöglich sogar für nötig. Das hilft niemandem, das schürt nur weiteren Hass. Traurig aber war: Wem heute wirklich etwas an der Lösung der Flüchtlingsproblematik oder der Frage der Gentrifizierung in unserer Stadt gelegen war, der blieb am besten zu Hause. Das darf eigentlich nicht wahr sein, denn es ist gut, richtig und nötig, wenn Bürger ihre Meinung äußern. Zu einer Demokratie gehören Demonstrationen als legitimes und teils notwendiges Mittel des Diskurses hinzu. In Hamburg jedoch funktioniert dieses Mittel derzeit nicht mehr. Das liegt zum Teil sicher auch daran, dass hier mittlerweile so oft demonstriert wird, dass unbeteiligte Bürger und Medien sich mit dem Gedanken „nicht schon wieder“ abwenden. Die einzige Möglichkeit sich dann dennoch Gehör zu verschaffen, ist die Eskalation. Mit der jedoch gerät jedes Anliegen schnell in Misskredit. Nicht wenige werden nach dem heutigen Tag sagen: Wenn dann endlich Ruhe ist, dann räumt die Häuser doch. Lieber ein Ende mit Schrecken, als… ihr wisst schon.

Spielen die Krawalle demnach einigen Personen in die Karten? Ganz klar! Hätten Politik und Polizei im Vorfeld deeskalierender handeln können? Sicher! Aber hätten auch die Demonstranten im Vorfeld für eine friedlichere Stimmung sorgen können? Ja! Alle Beteiligten täten gut daran, sich nicht von eskalationswilligen Radikalen, berechnenden Akteuren im Hintergrund, sensationslustigen Medien und den eigenen Emotionen anstacheln oder vor den Karren spannen zu lassen. Wer die Probleme lösen will, muss eine friedliche Stimmung mitgestalten. Die nächsten Tage, die Weihnachtstage, könnten allen in dieser Stadt die Möglichkeit geben, wieder ein wenig zur Ruhe zu kommen und nach ergebnisorientierten Wegen zu suchen, die Probleme unserer Stadt zu lösen.

A very merry Christmas
And a happy New Year
Let’s hope it’s a good one
Without any fear
War is over if you want it
War is over now
aus: John Lennon – Happy Xmas (War Is Over)

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Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

3 Kommentare

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  2. Dr. Dietmar Handke

    So, so, Herr Grieß, eine Journalistenschule haben Sie also erfolgreich absolviert. Mein Glückwunsch. Was lernt man da denn so? Bitte verzeihen Sie meinen polemischen Ton, ich habe mich hinreißen lassen. Sie waren bei der Schanzen-Demo also nicht anwesend, Ihnen ist auch gleichgültig, wer angefangen hat. Aber Demonstrationen sind schon notwendig für die Demokratie, meinen Sie. Aber friedlich! So, so.
    Würde der Herr Journalist so auch als Auslandkorrespondent aus Syrien berichten? „Ich sitze nur in meinem Studio und hier und kriege nix mit, und mir isses wurscht, wer angefangen hat, aber ich wünsche mir, dass Herr Assad und seine Widersacher sich die Hände geben und dass alles wieder gut ist.“
    Sehr aufschlussreich, Herr Grieß. Nicht, dass Ihr Artikel Aufschluss über die Schanzen-Demo gegeben hätte, wohl aber über die Qualität journalistischer Ausbildung.
    Aber lassen Sie uns bitte nicht streiten. Wir geben uns die Hand und sind wieder Freunde, ok?

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