Wie Niedersachsen uns den Hamburg-Tatort klaut

Bild: NDR/Boris Laewen
Kunst und Kultur

Wo der zweite Hamburger Tatort mit Wotan Wilke Möhring spielt, ist nicht schwer zu erraten, lautet der Titel doch „Mord auf Langeoog“. Nach nur einer Folge haben uns die Niedersachsen also bereits einen Kommissar geklaut. Hätte der Fall nicht wenigstens auf Neuwerk spielen können? Das ist auch weit genug weg vom Kollegen Rambo-Schweiger, gehört aber immerhin noch zu Hamburg. In der Ankündigung der zwei neuen Ermittlerteams hieß es bereits, dass der von Möhring verkörperte Thorsten Falke vorwiegend im Hamburger Umland ermitteln würde – dass er aber das Bundesland ganz verlässt, ist dann doch ziemlich schade.

Aber natürlich kann ein Hamburger Ermittlern nicht einfach auf einer friesischen Insel rumermitteln, ohne dass es zu Komplikationen führt. Zuständig ist er hier schließlich nicht. Im neuen Fall ist das Christine Brandner, gespielt von Nina Kunzendorf. Tatort-Fans kennen sie: Bis vor kurzem spielte sie die Frankfurter Tatort-Kommissarin Conny Mey. Der bereits aus dem ersten Tatort mit Wotan Wilke Möhring bekannte Ex-Kollege von Falke, Jan Katz (Sebastian Schipper) ist ebenfalls wieder an Bord. Ihn hat es offenbar nach der Geburt seines Kindes zusammen mit seiner Frau nach Langeoog gezogen, wo auch sein Schwager wohnt. Und eben der wird mit Gedächnisverlust neben einer Toten gefunden. Alle Indizien sprechen gegen ihn. Kann Falke dessen Unschuld beweisen oder muss er letztlich feststellen, dass der junge Mann sehr wohl schuldig ist?

Und so führen private Verwicklungen dazu, dass Falke im Urlaub kriminalistisch tätig wird und auch Kollegin Katharina Lorenz (Petra Schmidt-Schaller) in die Nordsee lotst. Die darf vorher im Brahmskontor noch eine Person zum Fall befragen, was mit ein paar Bildern aus dem Hamburger Hafen eingeleitet wird und den einzigen kurzen Bezug zum eigentlichen Einsatzort der beiden darstellt.

Wie schon bei „Feuerteufel“ handelt es sich um einen soliden Krimi, der auf klassische Ermittlungsarbeit und seine Charaktere setzt und nicht auf übermäßige Komik, Action oder Skandalträchtigkeit. Negativ ausgedrückt, sticht der Film so allerdings auch in keinster Weise heraus – lange im Gedächtnis bleiben wird er nicht. Die andere Frage ist zudem: Wie gut ist der erste Krimi des Teams Möhring/Schaller den Zuschauern noch im Gedächtnis, denn das spezielle Beziehungsgeflächt der Hauptcharaktere wird für Neueinsteiger nicht weiter erklärt. Die neuen Charaktere wie der mordverdächtige Schwager von Jan Katz werden ebenfalls nicht eingeführt. Die gut gemeinte Idee, den Ex-Kollegen und die Freundschaft von Falke und Katz als roten Faden in der Serie zu belassen wird somit zum Teil zum Hindernis. Außerdem muss die Frage erlaubt sein, wie es im dritten Fall weiter gehen soll. Auch darin soll Sebastian Schipper in seiner Rolle wieder mitspielen, was die Frage aufwirft: Warum macht man im ersten Film so einen Aufstand darum, dass Katz sich versetzen lässt, wenn er doch jedes Mal mit dabei ist?

An anderen Handlungs-Nebenschauplätzen wird zudem Potential verschenkt: Wie am Alter des Kindes von Katz zu erkennen, spielt „Mord auf Langeoog“ einige Zeit nach „Feuerteufel“. Im ersten Fall hatten Falke und seine neue Kollegin Lorenz noch einige Probleme miteinander, nun arbeiten sie ganz ohne Reibung zusammen. Hier wird die Chance zur Charakterentwicklung liegen gelassen. Auch die im ersten Fall angedeuteten privaten Probleme und Einsamkeit von Falke finden dieses Mal keinen Raum. Wer also darauf hofft, dass die beiden mehr als Kollegen werden, muss sich noch gedulden. Andererseits: Bei der Geschiwindigkeit, mit der die beiden von sich-nicht-mögen zur vertraute Kollegen kamen, beginnt der nächste Film der beiden villeicht direkt mit einer Bettszene.

Wieder aufgegriffen, wenn auch deutlich dosierter als in der Premiere, werden Falkes Vorliebe für das Wort „Digger“ und für Milch. Zu letzterer wird im Film sogar eine Anspielung gemacht. Die nach dem ersten Tatort mit Möhring aufgekommene Idee ein Tatort-Trinkspiel mit dem Wort „Digger“ zu machen kann also aufgegriffen werden, ohne am nächsten Tag einen Kater befürchten zu müssen.

Regisseur Stefan Kornatz schafft es, erneut starke Bilder für die Zwischensequenzen einzufangen. Leider passt der Austrahlungstermin erneut nicht richtig. Der erste Fall, gezeigt im April, zeigte Hamburg im Hochsommer. Nun folgt Ende November eine herbstliche Kulisse. Alles in allem lässt sich festhalten: „Mord auf Langeoog“ ist ein guter, aber nicht herausragender Tatort mit mäßiger Spannungskurve und einigen Lokiklöchern, der nicht an die Qualität von „Feuerteufel“ herankommt. Leider ist es zudem um ein Nordsee-Krimi und kein Hamburg-Tatort. Bezeichneten wir den ersten Fall noch als „den wahren Hamburg-Tatort“ zeigt sich nun, dass der NDR das „Hamburger Umland“ offenbar sehr weit auslegt. Der für Anfang 2014 geplante dritte Fall mit Thorsten Falke, Katharina Lorenz und Jan Katz wird in Wilhelmshaven(!) spielen. Das ist zwar näher an Hamburg, aber noch immer kein Umland. Der nächste Hamburg-Tatort wird demnach wohl der mit dem Kollegen Nick Tschiller (Til Schweiger) sein. Die Dreharbeiten dazu laufen derzeit.

Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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