Gratis Internet? Die Seifenblase von der „HotSpot-City“ Hamburg

Bild: Andreas Grieß
Netzleben

Große Nachrichten von der Telekom: Unsere Stadt bekommt Gratis-Internet! Die Telekom schreibt heute in bester PR-Jubel-Sprache in einer Pressemitteilung: „HotSpot-City“: Pilotprojekt Hamburg wird zum „Surferparadies“. Der Konzern sagt, dass er in einem ersten Schritt bereits die Gebiete um die Landungsbrücken, den Fischmarkt und das Cruise Terminal Altona mit Hotspots versorgt habe. „Es folgen der Ausbau der großen Shopping-Meilen Mönckebergstrasse, Jungfernstieg, Gänsemarkt sowie Große Bleichen. Später kommen dann St. Pauli und der Bereich um die Reeperbahn hinzu“, heißt es weiter. Abgesehen davon, dass die Reeperbahn in St. Pauli liegt: Wann genau der Ausbau geschieht, schreibt die Telekom jedoch nicht. Stattdessen gibt es eine andere Ankündigung: An den Hamburger Hotspots darf jeder pro Tag nun 60 Minuten lang kostenfrei surfen.

Unsere Hamburger Medien stürzten sich auf diese Meldung. Da wirkt es fast, als dass auch bei Herbstwetter noch das Sommerloch zu herrschen scheint . „Hamburg wird HotSpot-City“, übernimmt die Bild Hamburg den PR-Begriff der Telekom. Der ist auch im Abendblatt-Beitrag „Hamburger bekommen freies Internet in der Innenstadt“ zu lesen. Auch der NDR übernimmt weitestgehend die Pressemitteilung und schreibt von „Gratis-Internet in Hamburgs Innenstadt“. Ähnlich titelt die Mopo: „Hamburg soll Gratis-Internet bekommen“.

Hansjörg Schmidt, netzpolitischer Sprecher der SPD-Bürgerschaftsfraktion, kommt in einigen Texten zu Wort. Er sagte: „Das ist eine tolle Nachricht. Hamburg bekommt damit ein großartiges Angebot und untermauert seinen Anspruch als Internethauptstadt.“ Und nein, er sagte dies vermutlich nicht dem Abendblatt, dem NDR, der Mopo und weiteren Medien wortgleich. Offenbar gab es eine Agenturmeldung. Zudem hat der Politiker eine Pressemitteilung mit den entsprechenden Zitaten auf seiner Website veröffentlicht.

Was bei all dem Copy+Paste-Jubeln untergeht: Ein paar Internet-„Hotspots“ entlang der Touristen-„Hotspots“ machen Hamburg nicht zum „Surferparadies“. Unterwegs nutzen im Jahr 2013 die meisten Bürger ohnehin das mobile Internet. Doch an vielen Ecken unserer Stadt surft man auf dem Smartphone lediglich mit E. Bei Großveranstaltungen bricht regelmäßig das Netz zusammen. Da hilft es wenig, wenn die neuen Geräte LTE-fähig sind, wenn das Netz noch drei Generationen hinterherhinkt. Im Übrigen ist das Telekom-Netz, das noch am besten ausgerüstet ist, gerade an einigen der Touristen-Magneten sehr langsam.

Die eine Stunde kostenloses WLAN ist zudem kein Telekom-Geschenk ohne Hintergedanken. Das Unternehmen hat – völlig zu recht – kommerzielle Absichten und macht das nicht, weil es Hamburg so liebt. Die Gratis-Stunde ist Kundenwerbung. Um den Hotspot zu nutzen, muss jeder Nutzer einen Account haben oder eben anlegen. Nach der Gratis-Stunde kostet das WLAN Geld. Zudem geht man nicht „mal eben“ online, sondern muss sich mit dem Laptop erst einmal einloggen. Für Smartphones gibt es hierfür eine eigene App.

Schaden wird das vergrößerte Telekom-Angebot Hamburg sicher nicht. Zum „Surferparadies“, wie die Telekom schreibt und es einige Redaktionen übernehmen, wird unsere Stadt aber noch lange nicht. Dafür wären ein besseres mobiles Netz und höhere Netzkapazitäten notwendig. 2011 lag Hamburg in einem Test von Chip auf dem letzten Platz der deutschen Großstädte. Es stellt sich zudem die Frage, ob die Stadt nicht besser anbieterunabhängige Initiativen fördern sollte. Eine etwas vorsichtigere Bewertung wäre also angebracht. Aber hey, es gibt etwas geschenkt. Und einem geschenkten Gaul, schaut man bekanntlich nicht ins Maul. Leider.

Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

6 Kommentare

  1. Pingback: Die Hamburger SPD und das „Freie WLAN“ | Piratenpartei Hamburg

  2. Das Thema hat eine politische, ja fast philosophische Dimension. Die Obrigkeit ist daran interessiert ein öffentliches WLAN einem Konzern in die Hand zu geben und sabotiert mit legislativen Tricks ein dezentrales Netz in User-Hand. Es geht jetzt darum die Infrastruktur von Morgen aufzubauen.

  3. Und viele vergessen, dass Kabel Deutschland bereits ein eigenes Hotspot-Netz in Hamburg betreibt, bei welchem Nicht-Kunden eine halbe Stunde umsonst surfen können (wird sich bei Telekombeginn sicherlich auf ne Stunde angleichen) und KD-Kunden sogar unbegrenzt kostenlos surfen können.

  4. Wer seine Domain hamburg.de an Springer verkauft, verschenkt seine WLAN-Ambitionen auch an die Drosselkom. 100% fail

  5. Pingback: Unerwartet & Unbemerkt: Ein toter Miniwal und WLAN im Bus

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