Lieblingsplätze – Lombardsbrücke

Bild: qdos via Flickr.com / Lizenz: CC-by-sa
Stadtgefühl

Als ich meine Mutter, die über 30 Jahre in Hamburg lebte, fragte, welches ihr Lieblingsort in Hamburg sei, sagte sie: die Aussicht von der Lombardsbrücke auf die Binnenalster und das Rathaus. Die Aussicht also, die die man so oft auf Postkarten sieht. Wie langweilig dachte ich, es gibt tausende dieser Ansichtskarten, meistens ist am Motiv viel gephotoshopt worden und das Rathaus erscheint fast dunkelgelb und glänzt. Ebenso wurde die Sonne im Zweifel strahlend hinzugefügt, das hamburgische Grau verbannt.

Pah, diese Künstlichkeit hat Hamburg doch gar nicht nötig, dachte ich. Seitdem war dieses Bild für mich das typische Touristenfoto, an dem jeder Hamburg in der ganzen Welt erkennt.

Doch dann war ich zum ersten Mal bewusst auf der Lombardsbrücke und blickte auf den Jungfernstieg und den Michel in der Ferne. Die Silhouette Hamburgs breitete sich vor meinem Auge aus. Auf den meisten Postkarten noch nicht vorhanden: das wellenförmige Glasdach der Elbphilharmonie und die Baukräne drumherum, die sich nie bewegen, wenn man auf sie schaut. Aber das ist eine andere Geschichte.

Für mich verkörpert diese Aussicht eine hanseatische, städtische Eleganz die nur Hamburg hat. Und wenn ich mit dem ICE oder der S-Bahn auf den Schienen zwischen der Lombardsbrücke und der Kennedybrücke unterwegs bin, dann kommt es mir vor, als ob der Zug ganz langsam über die Schienen schweben würde und das Rathaus, die Häuser am Jungfernstieg und die Kirchen im Hintergrund ebenso schwebend an ihren rechten Platz gelangen, wie Kulissen im Theater. Und dann bleiben sie stehen und das Bild von der Lombardsbrücke aus ist fertig inszeniert.

Zur Schönheit und Eleganz dieses Ortes kommen noch persönliche Erlebnisse, die ihn zum Lieblingsort werden lassen. Der erste Kuss mit der ersten großen Liebe und das Reinfeiern in meinen 22. Geburtstag, mit Sekt, Plastikbechern, dem Ausblick und leider auch einem knutschenden Pärchen, das diesen Ort ebenso für sich beanspruchte.

An diesem 22. Geburtstag war das blaue Metallschild an den Mauern der Brücke mit allen wichtigen historischen Daten abgefallen . Es lehnte locker an der Mauer der Brücke. Ich wollte es gerne mitnehmen und in meiner Wohnung als einzigartiges Dekorationsstück aufhängen. Egal waren mir die Spinnen und andere Ungeziefer, die sich darauf niedergelassen hatten. Nur der Transport war schwierig. Das Schild war zu schwer und zu sperrig um es auf meinem Rollstuhl transportieren zu können.

Es bleibt also nur, das Schild, die Brücke und den Ausblick immer wieder zu besuchen und zu genießen.

Über

Judyta Smykowski, 26, kommt aus Hamburg, lebt in Berlin und arbeitet für die taz und leidmedien.de. Judyta ist Gründungsmitglied von Elbmelancholie. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesellschaft, Kultur und Internet. Twitter: @jusmykkreativundgnadenlos.wordpress.com

1 Kommentar

  1. Pingback: Hamburghafenheimat | kreativundgnadenlos

Schreibe einen Kommentar


Captcha: Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.