Schlicht aber berührend: ARD-Doku über Roma in Hamburg

Bild: NDR/Özgür Uludag
Debatte

Seitdem Bulgarien und Rumänien im Jahr 2007 der Europäischen Union beigetreten sind, ebbt die Zahl der Zuwanderung nicht ab – im Gegenteil. Laut dem Statistischen Bundesamt ist alleine im ersten Halbjahr 2012 die Zuwanderung um 24 Prozent gestiegen. Im gesamten letzten Jahr lag die Zahl der zugewanderten Rumänen und Bulgaren bei rund 178.800 Personen. Waren zuvor romanische Länder, wie Spanien und Italien, beliebte Ziele, ist dank der stabileren Wirtschaftslage Deutschland verstärkt zu einem Zufluchtsort geworden.

Viele der Zuwanderer sind Armutsflüchtlinge, die in Deutschland auf ein besseres Leben hoffen. Was sie hier erwartet, sind allerdings vor allem Ausgrenzung statt Integration, Armut und Kriminalität statt Arbeit. Am morgigen Samstag, den 13. Juli, zeigt die ARD um 14.00 Uhr die Reportage „Auf der Flucht vor Armut – Roma in Hamburg“, in der die Autoren Ute Jurkovics und Özgür Uludag eine Roma-Familie in ihrem Alltag in der reichen Hansestadt begleiten.

Das Ehepaar Roxana und Georg Jolesko, beide Anfang 20 und Roma, lebt in Billstedt. Hier ist es besser als in Rumänien, sagen sie. Doch die Zustände, in denen sie hier leben, sind alles andere als rosig. Zwar dürfen Rumänen seit 2007 als EU-Bürger nach Deutschland einreisen und bleiben, eine sozialversicherungspflichtige Arbeit dürfen Roma aber erst ab dem Jahr 2014 annehmen, wenn in Deutschland die volle EU-Freizügigkeit für Rumänen gilt. Bis dahin schlagen sie sich mit Gelegenheitsjobs durch, als Blumenverkäufer, Straßenmusiker oder Zeitungsverkäufer.

Georg und Roxana sind seit einiger Zeit in Deutschland und halten sich mehr schlecht als Recht über Wasser. Sie teilen eine kleine Wohnung mit zahlreichen Familienmitgliedern und stehen jeden Tag – ob Sommer oder Winter – draußen auf der Straße und versuchen Geld zu verdienen. Krank werden können sie sich dabei nicht leisten. Krankenversichert sind sie nicht und selbst wenn an einem Tag nur eine einzige Zeitung verkauft wird, können sie auf das Geld nicht verzichten. Warum sie diese Strapazen auf sich nehmen? Sie tun es für ihr Kind, ihren zweijährigen Sohn, der Zuhause in Rumänien bei den Großeltern lebt. Nach Deutschland sind sie geflüchtet, weil es in ihrer Heimat keine Arbeit gibt, keine Infrastruktur.

Jeder fünfte Rumäne lebt dort unter der Armutsgrenze. Um ihrem Kind dieses Schicksal zu ersparen, sind Georg und Roxana nach Hamburg gekommen. Sie möchten Geld verdienen und sich eine eigene Wohnung leisten können, damit sie ihren Sohn wieder zu sich holen können. Die Trostlosigkeit zu Hause möchten sie hinter sich lassen. Denn obwohl das Pro-Kopf-Einkommen in Rumänien bei nur 350 Euro monatlich liegt, sind Dinge des täglichen Bedarfs, wie Lebensmittel, trotzdem so teuer wie in der Bundesrepublik.

Die Realität in der Hansestadt gestaltet sich allerdings als schwierig. Die sozialen Gegebenheiten erzeugen oft Argwohn und Ablehnung. Roma sind als Zigeuner verschrien, als Inbegriff des Lästigen und Störenden. Ungerne möchte man ihnen Arbeit geben. So ist eine Parallelgesellschaft entstanden, in der Roma unter sich bleiben – oftmals ohne Sprachkenntnisse und Bildung – und sich als Tagelöhner durchschlagen. Jede vierte Familie muss dabei auf mindestens ein Familienmitglied verzichten. So warten zuhause die Verwandten, die Eltern, nicht zuletzt die Kinder.

Ute Jurkovics und Özgür Uludag verzichten in ihrer Reportage auf große Inszenierungen und nehmen Abstand von der politischen Flüchtlingsdebatte. Es geht hier nicht um Schuld und Anklage, sondern darum, den Zuschauern ein neues Bewusstsein für die Situation der Roma zu schenken. Die Reportage bewegt sich zwischen grausamen Lebensumständen und der Hoffnung, dass auf die Welt von heute doch noch ein großes Morgen folgt. Dabei wirkt die Untermalung mit der Gypsy-Musik, als Moment scheinbarer Sorglosigkeit und Lebensfreude, als groteske und unheimliche Gegenfigur zur harten Realität. Georg und Roxana erscheinen als donquijotteske Helden, die gegen die Windmühlen der Vorurteile und der sozialen Missverhältnisse ankämpfen müssen. Es ist eine knappe und harte Darstellung der Realität vieler Armutsflüchtlinge in Deutschland, die in ihrer schlichten Beschreibung umso mehr berührt.

Über

Die gebürtige Kölnerin und bekennende Globetrotterin hat die letzten fünf Jahre in Hamburg verbracht, bevor sie im Herbst 2014 die Stelle der Online-Redakteurin an der Hochschule Harz angetreten ist. Ihrer Wahlheimat bleibt sie allerdings treu und schreibt weiterhin für verschiedene Online-Portale rund um die Hansestadt.

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