Lieblingsplätze – der alte Elbtunnel

Bild: Andreas Grieß
Stadtgefühl

Häufig sind es ja die Orte, von denen man eine tolle Aussicht genießt, an denen das Leben oder die Natur blüht, die sich Menschen als Lieblingsorte auswählen. Einer meiner absoluten Lieblingsplätze in Hamburg ist jedoch nichts davon: Die Aussicht ist nicht vorhanden, die Natur fehlt ebenfalls und der Puls der Stadt schlägt auch woanders. Dennoch, nein deshalb, ist der alte Elbtunnel etwas ganz Besonderes.

Die Idee an sich ist schon rechtlich verrückt: Statt eine Brücke über einen Fluss, bauten die Hamburger einen Tunnel darunter. Klar: Hier denkt man zunächst an die Schiffe im Hafen und die haben nun einmal Vorfahrt. Also müssen die sonstigen Verkehrsteilnehmer weichen. Bei der Eröffnung 1911 war das noch etwas Ungewöhnliches. Heutzutage gibt es viele weitere Beispiele für Flussunterquerungen. Sogar der Ärmelkanal wird unterfahren. Aber so weit brauchen wir Hamburger gar nicht schauen, denn seit 1975 gibt es hier bekanntlich sogar zwei Elbtunnel.

Während der Neue mit der A7 doch eher Nutzwert hat – und sei es dank Stau als weltweit größter Unterwasserparkplatz –, ist der St. Pauli-Elbtunnel Kulturgut. Viele Touristen schauen ihn sich an, staunen darüber, dass Autos und Fahrräder tatsächlich nicht in den Tunnel einfahren, sondern mit Fahrstühlen hinein und heraus geholt werden. Der Abgang für Fußgänger erinnert eher an den Besuch eines Turmes wie dem Kirchturm des Kölner Doms, als an den Abstieg in einen Verkehrsweg.

Angekommen „unter Tage“ und unter der Elbe mutet der Vorraum dann wie eine Krypta an. Doch sobald sich dieser Gedanke einschleicht, wird er bereits durch den Motor eines PKWs durcheinandergeworfen. Ich vergesse jedes Mal, dass dieser Tunnel tatsächlich noch in Betrieb ist und auch die Touristen staunen häufig.

Im alten Elbtunnel kann man die Hektik von außerhalb für einen Moment Hektik sein lassen. Auch Regen oder Hitze bleiben am Eingang zurück. Hier unter der Elbe steht die Zeit für einen Moment still – sofern man nicht von zu vielen Touristen oder seinem Handy aus der Ruhe herausgerissen wird. Erschreckend: Im Tunnel hat man manchmal besseren Empfang, als entlang mancher ICE-Trasse Deutschlands.

Von 2000 bis 2009 gab es im Tunnel zudem die vielleicht bekloppteste Laufveranstaltung Deutschlands: Den Elbtunnel-Marathon. 48 Mal ging es hin und her. Seit 2010 pausiert der Marathon wegen Umbauarbeiten in den Röhren. Hoffentlich kann bald wieder ein Startschuss fallen!

Der Elbtunnel ist eine Welt für sich – und er verbindet zwei Welten. Auf der einen Seite die Landungsbrücken: Touristenmagnet und einer der Hotspots der Stadt. Auf der anderen Seite: Steinwerder. Bei allem Respekt, eher für Hafen und Klärwerk bekannt, als dafür, die Massen anzulocken, auch wenn hier „Der König der Löwen“ aufgeführt wird. Doch wer es vorverurteilt, tut Steinwerder und den anderen Stadtteilen südlich der Elbe Unrecht. Einfach gesagt: Es bräuchte wohl kaum einen Tunnel, wenn beide Seiten nicht berechtigte Interessen daran hätten, auf die andere Seite der Elbe zu gelangen.

So ein bisschen beneide ich sogar die Leute, die täglich mit dem Rad durch den Tunnel fahren, um zur Arbeit zu kommen. Einen solchen Arbeitsweg gibt es weltweit wohl ausgesprochen selten. Logisch, denn einen solchen Tunnel gibt es nur bei uns. Unter all den Attraktionen, wird er viel zu häufig vergessen. Und mit seiner Stille und der Symbolik, die sich in ihm verbergen kann, lohnt es auch für Hamburger, hin und wieder einfach mal „runter zu kommen“.

Aus dieser Reihe:

Über

Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

1 Kommentar

  1. Schöner Artikel.

    Der Alte Elbtunnel ist auch einer meiner absoluten Lieblingsorte in Hamburg. Es gibt nur wenige von Menschen erbaute Orte, die bei mir so viel Ehrfurcht auslösen. Wenn es draußen mal wieder viel zu heiß ist, ist es dort unten angenehm kühl; und von der anderen Seite der Elbe hat man mal einen anderen Blickwinkel auf die Stadt.

    Dazu die vielen Motivkacheln, die alle eine Geschichte erzählen und uns vergegenwärtigen, was man damals wohl noch nicht ahnte, was für ein Tummelplatz an maritimen Leben die Elbe und ihre Nordseemündung mal gewesen ist. Meine Lieblingskachel ist übrigens der Stiefel mit den Ratten 🙂

    Ich glaube, ich muß auch mal einen Blogeintrag mit meinen Lieblingsorten in Hamburg schreiben.

Schreibe einen Kommentar


Captcha: Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.