Ingrid Metz-Neun: Wenn sie spricht, hört Hamburg zu

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Stadtgefühl

Autor: Manuel Schubert

Ingrid Metz-Neun ist die Stimme der Hamburger U-Bahn. Doch nicht mehr lange. Manuel hat die wohl bekannteste Sprecherin Deutschlands in ihrem Studio in Offenbach besucht.

Als Ingrid Metz-Neun zu reden beginnt, spitzen alle die Ohren. Plötzlich kehrt in der vom morgendlichen Stress geplagten U2 Ruhe ein. Die Passagiere horchen auf, blicken gebannt an die Decke, als könnten sie so besser verstehen, was die weibliche Stimme sagt, die aus den kleinen Lautsprechern schallt. „Nächster Halt: Berliner Tor“, kündigt sie an. Entspannt sacken einige zurück in ihre Sitze, sie sind noch nicht am Ziel. Andere hören das, worauf sie gewartet haben. Für sie heißt es: Buch in die Tasche, Jacke zu und in Richtung Tür bewegen.

Seit über zehn Jahren ist Ingrid Metz-Neun die Stimme, die in der Hamburger U-Bahn die Haltestellen ansagt. Von Norderstedt Mitte bis hin zum Mümmelmannsberg kündigt sie den nächsten Halt, Möglichkeiten zum Umstieg, sowie einige Sehenswürdigkeiten an. Doch nicht nur in den Hamburger Waggons sind Metz-Neuns Worte im Minutentakt zu hören. Die 63-jährige Synchronsprecherin gehört zu den gefragtesten ihrer Art in der gesamten Bundesrepublik. In über 40 Städten hat sie die Ansagen in öffentlichen Verkehrsmitteln, an Bahnhöfen und an Flughäfen eingesprochen. Und wer morgens nicht die U-Bahn nimmt, hört ihre Stimme womöglich im Autoradio, etwa in einem Werbespot für Ferrero, Pirelli oder Lenor.

Doch zumindest in Hamburg nimmt ihre Karriere nun ein abruptes Ende. Die Hamburger Hochbahn AG, die die U-Bahnen betreibt, tauscht die Aufnahmen aus. Ab Juni wird Anke Harnack, eine Moderatorin des NDR, Ingrid Metz-Neun ersetzen. Die stört das allerdings wenig: „Das finde ich gut, ist doch auch viel näher.“ Metz-Neun, die vor zwei Jahren zum dritten Mal in Folge die Ansagen für die Hamburger U-Bahn produzierte, kommt nämlich aus der Nähe von Frankfurt. Und Bahn-Ansagen finde sie ohnehin nicht besonders spannend, verrät sie.

„Ein bisschen wie im Tollhaus“

In einer Seitenstraße Offenbachs steht ein altes Haus mit gelber Steinfassade und großen Fenstern. Früher war hier eine Lederfabrik beheimatet. 1996 hat Ingrid Metz-Neun das Gebäude gekauft, von Grund auf saniert und sich dort ihr eigenes Tonstudio eingerichtet. Das Haus wirkt eher wie ein gigantisches Wohnzimmer, als wie ein Büro: blauer Teppichboden, Pflanzen an jeder Ecke, große Gemälde an den Wänden. Zehn feste Mitarbeiter beschäftigt Metz-Neun hier. Sie kümmern sich um die Kunden, die Studios, und mehr. Zwischen 50 und 60 Sprecher sind es, die Metz-Neun regelmäßig beauftragt. In ihrer Kartei stünden aber an die 400, erklärt die Chefin. Hinzu kommt ein Dutzend freie Übersetzer.

Metz-Neun nimmt an einem langen, dunklen Holztisch Platz, stützt den Kopf auf ihre linke Hand und erzählt von ihrer Firma. 100 bis 120 Filme würden sie und ihr Team im Jahr synchronisieren. „Bei so einem Film gibt es schon mal an die 80 Rollen, die gesprochen werden müssen“, betont sie. Einfache Ansagen wie für die Hamburger U-Bahn mache sie eher selten. Während sie redet, weicht das freundliche Lächeln nie aus ihrem Gesicht. Ingrid Metz-Neun ist eine stattliche Frau, früher hatte sie zwei Boutiquen und stellte unter dem Namen „Mode für Mollige“ Klamotten her. Außer den blonden Haaren, scheint heute alles an ihr grün zu sein: die Augen, der Liedschatten, die Fingernägel, der Schal, die Strickjacke, die Hose.

Alle paar Minuten kommen Angestellte vorbeigelaufen, mal allein, mal mit Kunde im Schlepptau, mal mit Hund. „Hier ist es immer ein bisschen wie im Tollhaus“, erklärt Metz-Neun. Ihr Mitarbeiter nennt sie „Schatz“ oder „Schätzchen“, langjährige Kunden begrüßt sie mit einer stürmischen Umarmung und einem Kuss auf die Wange. Obwohl ihr so viele Helfer zur Seite stehen, nimmt sie selbst regelmäßig in der Sprecherkabine Platz. 1969 wurde sie erstmals für die deutsche Version eines Films gebucht, zahlreichen Schauspielerinnen lieh sie im Lauf der Jahre ihre Stimme, darunter Jeanne Moreau, Shirley MacLaine und sogar Marylin Monroe.

Bekannte hören sie fast jeden Tag irgendwo

„Mach doch mal die Marylin!“, werde sie seitdem immer wieder aufgefordert, erzählt sie schmunzelnd. „Dieses blöde und gekünzelte ,Hach!‘“ nerve sie zwar, doch Monroe zu vertonen habe ihr unheimlich geholfen. „Ich hätte nicht gedacht“ – Metz-Neun schüttelt etwas verlegen den Kopf – „dass man mit so etwas so berühmt werden kann“. Fast jeden Tag erhalte sie einen Anruf von einem Bekannten, der ihre Stimme irgendwo gehört hat – meist in der Bahn oder am Flughafen. „Das finde ich immer ganz entzückend“, sagt sie. Die Audioversion der Wochenzeitung „Die Zeit“ spricht Metz-Neun ebenfalls ein. Auch der Brockhaus hat sie engagiert.

Nach der Geburt in Alsfeld wuchs Metz-Neun in Frankfurt am Main auf und besuchte dort später eine Schauspielschule. Bevor sie als Synchronsprecherin durchstartete, verdiente sie ihr Geld als Schauspielerin, wirkte unter anderem in den Einspielern der HR-Show „Einer wird gewinnen“ und der ZDF-Serie „Ehen vor Gericht“ mit. „In den Drehpausen hatte ich so viel Zeit, dass ich ganze Kleider gestrickt habe“, erinnert sie sich. Beim Synchronsprechen gebe es einfach deutlich mehr zu tun. „Das ist so ähnlich, nur dass man keine sechs Wochen Probe hat, sondern sich die Texte eins bis zwei Mal anguckt, sie nachempfindet und dann schon spielt“, erklärt sie. „Viel spannender!“

Mit dem Synchronsprechen wird sie daher – im Gegensatz zur Schauspielerei, die sie Ende der 70er größtenteils an den Nagel hängte – noch eine Weile weitermachen. Und auch wenn die Hamburger Metz-Neuns Stimme nun in der U-Bahn nicht mehr hören können – bald begegnen sie ihr bestimmt anderswo wieder.

Wer jetzt gespannt ist, wie Ingrid Metz-Neuns Stimme klingt, kann sie sich hier anhören.

Über

Dieser Text wurde von einem Gastautor verfasst.

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