Hamburg, unsere große Liebe

Bild: Inga Zimmermann
Netzleben

Ich bin eifersüchtig auf Euch Hamburger Leser, die ihr diesen Eintrag in meinem Zuhause Hamburg lest. Ich will auch wieder in Hamburg sein, aber man muss ja auch studieren und das auch mal außerhalb von Hamburg, damit aus einem etwas wird. Deshalb schwelge ich gerne mit Leidensgenossen in Hamburg-Erinnerungen und in dem Gefühl des Vermissens. Ich habe eine Schwester im Geiste, Donnerlottchen, während meiner Zeit beim @WeareHH Twitter-Account kennen gelernt. Dörte, wie Donnerlottchen wirklich heißt, hat Jahre lang in Hamburg gewohnt und ich habe sie und mich gefragt, was ihr und mir am meisten fehlt und wie wir es schaffen, außerhalb Hamburgs klarzukommen.

„Ich wollte schon immer in Hamburg wohnen. Schon als kleines Mädchen. Obwohl ich nie in der Stadt gewesen bin. Dann lernte ich mit 16 einen Hamburger kennen und lieben. Das war wohl Schicksal. Irgendwann stellte sich heraus, dass nicht der Mann die große Liebe war, sondern Hamburg“, erzählt sie.

2004 zog sie nach dem Abi nach Hamburg und musste die Stadt Ende Februar 2012 verlassen, des Jobs wegen. „Ich würde es aber nie wieder tun. Mein Bauch hat lauthals `tu es nicht!´ geschrien, aber ich habe nicht drauf gehört. Weil man das eben so macht. Hauptsache man hat einen Job“, meint sie rückblickend. Heute sagt Dörte, dass sei großer Quatsch. Arbeit sei wichtig, keine Frage, die Kohle müsse ja irgendwoher kommen. Aber nicht um jeden Preis. Denn: Freundschaften sind der Entfernung wegen zerbrochen. Auch bei mir hielten nicht alle Freundschaften die Entfernung aus. Das ist wohl oder übel der Lauf der Dinge und ich bin über jede Freundschaft froh, die die Distanz aushält.

In der Liste von Dingen, Orten und Geräuschen, die uns Auswanderern fehlen, sind sich Donnerlottchen und ich ziemlich einig: Die Alster fehlt, insbesondere die Binnenalster. Im Dezember mit der Weihnachtstanne drauf. Der Hafen fehlt und „das Pupsen der Schiffe“ sowie der weite Blick auf das Tor zur Welt. Und all die individuellen Dinge, die Menschen um einen herum gar nicht richtig wahrnehmen. Nach Donnerlottchens Meinung ist das der Geruch nach Freiheit und der Nordseekrabben-Salat von Penny. „Den gibt’s hier in Leipzig leider nicht. Und die wenigen Alternativen sind inakzeptabel. Außerdem fehlen meine schiefe Altbauwohnung in Barmbek-Süd und die Haltestelle Dehnhaide, auf die ich quasi spucken konnte“. Den Stadtpark mit Planetarium, Planten un Bloomen und den Dom vermisst sie. Natürlich auch St. Pauli und die Reeperbahn.

Klar, diese großen Klopper sind nicht da, die wohl auch einem Nicht-Hamburger in Bayern etwas sagen. Aber Exil-Hamburger sehnen sich wohl nicht nur nach diesen Dinge als Orte oder Gebäude, sondern auch im Hinblick auf die vielen Erlebnisse dort. Donnerlottchen verrät: „Außerdem fehlen die Hamburger Männer. Die sind besonders. Ich mag Nordlichter. Die ganze Stadt fehlt mir unglaublich. Sie ist mein Zuhause geworden in den Jahren, die ich dort gewohnt habe“.

Es fehlt uns an allem aus Hamburg. Wir haben große Sehnsucht und das erweckt Erwartungen an die Wiederkehr. Dörte ist vorsichtig, was den Besuch in der alten Heimat angeht: „Bisher war ich nicht wieder da. Ich habe große Angst davor, dann wieder wegzufahren. Ich möchte unbedingt zurück nach Hamburg. Und das Dumme ist, dass ich weiß, wie schwer das sein wird. Die Situation auf dem Wohnungsmarkt verschärft sich immer mehr. Wenn nicht noch ein Wunder geschieht, sich ein unbefristeter Job ergibt, ich mich Hals über Kopf verliebe oder ich mich total an Leipzig gewöhne, dann gibt es für mich nur ein Zurück nach Hamburg.“

Hamburg ist das Tor zur Welt. Und wenn man sich von dort aus in die weite Welt gewagt hat, ob gewollt oder nicht, dann möchte man irgendwann zurück in den Heimathafen.

Über

Judyta Smykowski, 26, kommt aus Hamburg, lebt in Berlin und arbeitet für die taz und leidmedien.de. Judyta ist Gründungsmitglied von Elbmelancholie. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesellschaft, Kultur und Internet. Twitter: @jusmykkreativundgnadenlos.wordpress.com

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