Der hessische Jungfernstieg

Bild: Judyta Smykowski
Stadtgefühl

Auf dem Hamburgischen Jungfernstieg spazierten schon immer schöne und viele Menschen. Mag man Wikipedia glauben, so stammt der Name der Straße von jungen unverheirateten Frauen, den Jungfern, die auf Männerschau waren und dort spazieren gingen. Außerdem soll die Straße an der Alster Deutschlands erste asphaltierte Straße sein.

Als verwöhnte Hamburgerin bin ich diesen Jungfernstieg, der Weiten fürs Auge und jede Menge Wasser bietet, gewohnt. Im hessischen Städtchen Dieburg, in dem ich gerade studiere und wohne, gibt es durchaus Wasser aus dem Hahn und auch ein Flüsschen. Den Hamburger Jungfernstieg mit der Aussicht auf die Weiten der Alster und die Lombardsbrücke gibt es in seiner Art aber nur in der Hansestadt. Was gäbe ich dafür, dass man das Wasser, die Brücke und die Aussicht zu mir nach Hessen beamen könnte… aber lassen wir das.

Ein Teil hat es dann doch hierher geschafft: der Jungfernstieg an sich. In Form einer Straße, die genauso heißt. Im 15 000 Seelen Dorf Dieburg, Hessen.
An der knapp 150 Meter langen Straße gibt es weder Wasser, Kino noch Einkaufszentrum wie am Hamburger Äquivalent. Aber das Straßenschild mit der Aufschrift „Jungfernstieg“ ist ein schönes, mit verschnörkelter Schrift, wie jedes Straßenschild in Dieburg. Gemein hat der hessische Jungfernstieg mit dem hamburgischen die Sitzmöglichkeiten. Und etwas noch viel beachtlicheres: blaue Schilder. In Hamburg dunkelblaue (schön), in Dieburg hellblaue (nicht so schön).

Beide beherbergen alle historischen Daten des Ortes. Hier muss ich sagen, kann das Dieburgische Schild ganz schön prahlen; mit Resten einer Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert. Das Schild und die Reste der Mauer kann man sich anschauen, bevor man einen Termin beim Immobilienmakler wahrnimmt, der sein Büro in der Straße hat. Nachdem man das Schild und die Mauer bestaunt hat, ein Haus gekauft und sich nach dieser Tat auf der Bank ausgeruht hat ist man auch schon am Ende der Straße und kann in der Mönckeberg- ähm… Zuckerstraße weiter shoppen.

Über

Judyta Smykowski, 26, kommt aus Hamburg, lebt in Berlin und arbeitet für die taz und leidmedien.de. Judyta ist Gründungsmitglied von Elbmelancholie. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesellschaft, Kultur und Internet. Twitter: @jusmykkreativundgnadenlos.wordpress.com

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