Winterzeit ist Spendenzeit

Bild: Judyta Smykowski
Debatte

Es ist sehr kalt geworden in Hamburg. Zwar verschonen uns die Einkaufszentren und Fußgängerpassagen noch größtenteils mit weihnachtlicher Deko. Doch die Kälte lässt schon ab und zu an Glühweinstände auf Weihnachtsmärkten denken. Die obligatorischen Spendengalas im Fernsehen kündigen sich auch langsam an oder laufen bereits. Denn um Weihnachten, dem Fest der Familie und Liebe, sind die Herzen und Portmonees der Menschen weit offen, so hoffen die Hilfsorganisationen. Ich habe gespendet, bin dabei aber auf eine üble Betrugsmasche hereingefallen.

Der Ort des Geschehens war die Straße Große Bleichen am Jungfernstieg. Mit meinem Rollstuhl fahre ich an Läden mit teurem Schmuck und Kleidung vorbei. Von weitem sehe ich einen Mann mit Klemmbrett, der Leute anspricht. Er ist bestimmt von einer Hilfsorganisation, Ärzte ohne Grenzen oder so, denke ich als ich an ihm vorbeirauschen will. Er sieht mich und zeigt auf ein Symbol auf dem Zettel seines Klemmbretts. Es ist das weiße Rollstuhlzeichen mit blauer Umrandung, welches man vielleicht von Autos kennt. Mein Interesse ist geweckt und ich schaue mir den Zettel genauer an und merke, dass der Mann gehörlos ist.

Es wird für ein neues Zentrum für Menschen mit Behinderung in Hamburg gesammelt. Gute Sache, denke ich. Auf den Zettel soll ich meine Unterschrift, meine Postleitzahl, meinen Wohnort und die Summe angeben, die ich spenden will. Es sind bereits Einträge gelistet, alle haben zehn oder zwanzig Euro gespendet. Ich schaue noch auf den Fuß des Zettels, dort sind die Initiatoren gelistet. Der deutsche Gehörlosen-Bund e.V. und Handicap International. Sehr gute, seriöse Sache, denke ich und öffne mein Portmonee, habe allerdings kein Bargeld dabei. Wie soll ich dem Mann denn nun erklären, dass ich kein Geld dabei habe? Ich zeige ihm mein leeres Portmonee. Er zeigt auf die Commerzbank, vor der wir stehen. Ich zeige ihm meine Karte, um anzudeuten, dass meine Bank die Sparkasse ist. Er nickt in Richtung Rathausmarkt, wo sich eine Haspa-Filiale befindet. Schweigend gehen wir zur Sparkasse, wann hat man schon die Gelegenheit unmittelbar etwas Gutes zu tun, denke ich. Vor der Haspa gebe ich ihm das Geld.

Nachdem der Mann mir mit ausschweifenden Gesten dankt und weiterzieht, möchte ich mehr über die genannten Organisationen erfahren und googele nach ihnen. Da erlebe ich eine böse Überraschung: Der Deutsche Gehörlosen-Bund e.V. und Handicap International warnen vor den Spendensammlern auf der Straße, die nicht von den Organisationen kommen.

Die Meldungen stammen bereits vom Mai diesen Jahres und die Betrüger sind noch nicht gestoppt. Es macht mich wütend und betroffen, dass man Menschen, die spenden wollen, betrügt. Denn natürlich steigt dadurch die Skepsis- und die Bereitschaft zu spenden sinkt.

Über

Judyta Smykowski, 26, kommt aus Hamburg, lebt in Berlin und arbeitet für die taz und leidmedien.de. Judyta ist Gründungsmitglied von Elbmelancholie. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesellschaft, Kultur und Internet. Twitter: @jusmykkreativundgnadenlos.wordpress.com

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