Auf der Elbe mit der Hafenfähre 62

Bild: Anna-Lena Ehlers
Allgemein, Stadtgefühl

Die HVV-Hafenfähre 62 bringt Hamburger und Touristen innerhalb von 30 Minuten vom Sandtorhöft in der HafenCity bis nach Finkenwerder. Die Betreiber und Menschen, die die Hafenfähre für den Arbeitsweg nutzen, beschweren sich, dass zu viele Touristen an Board sind. Nun, der Ausblick und die Nähe zu Schiffen, Kränen und Docks auf dem oberen Deck und der Service im unteren Stock lädt Touristen ein, auf der Elbe zu schippern und sich dabei sehr wohl zu fühlen.

Das untere Deck beherbergt eine Art Restaurant. Mit einer Theke und einem Kühlschrank voller leckerem Eis. Abseits der Theke gibt es Tische und Bänke. Die Plätze am Fenster sind besonders begehrt. Kräne, Docks und Schiffe auf der Wasserseite und das Elbufer auf der anderen Seite. Familien belagern Sitzbänke mit vier Plätzen und einem Tisch, kleine Geschwisterkinder schieben sich ihre Arme gegenseitig vom Tisch und kichern. Sie haben keinen Blick für die gewaltigen Kräne und die Umrisse der Köhlbrandbrücke in der Ferne. An der nächsten Haltestelle treibt das Schiff senkrecht zur Kaimauer dem Festland entgegen. Mit lautem Knarren und Lichthupe spuckt das es eine Rampe zum Ausstieg aus. Keiner steigt aus, es kommen noch mehr Menschen hinzu, die sich zwischen die Tische stellen müssen, weil sonst kein Platz ist. Die Frau an der Bar in HVV-Uniform trocknet mit einem weißen Geschirrtuch die Gläser vergangener Fahrten.

Der nächste Halt ist Altona (Fischmarkt). Dort versuchen sich Menschen, die ernsthaft gucken und ernsthaft gekleidet sind, einen Weg zum Ausgang durch die Touristenmenge zu bahnen. Sie haben ein wirkliches, ernstes Ziel, einen Termin und nichts übrig für das glitzernde Wasser und die Containerlandschaft um sie herum. An ihnen vorbei drängen sich immer neue Menschen hinein, die im Bauch des Schiffes noch einen Platz bekommen wollen, das obere Deck platzt längst aus allen Nähten. Jeder zweite trägt eine schwarze Tüte mit einem Andenken des Hard Rock Cafés in der Hand und bahnt sich damit einen Weg zu einem Stehplatz mit Meerblick. Das Touristenpack muss verhasst sein von den Männern mit marineblauer Seemannsmütze, die ganz still dasitzen und aus dem Fenster schauen. Sie blicken angestrengt, als wollen sie über den Horizont der Industrie hinausblicken. Sie schrecken nicht auf, als ein Touristenkind durch das ganze Schiff trampelt und seiner Mutter entgegenbrüllt.

Die Touristenmeute beruhigt sich langsam, die Landschaft auch. Sie wird immer friedlicher. Der Blick wandert nach Ovelgönne, dem Strand und den Herrenhäusern in Ufernähe. Man könnte diese Straße auch für die Elbchaussee halten, sie ist es aber nicht. Bald ist da die Endhaltestelle, Finkenwerder. Hektisches Treiben der Hamburg-Besucher, Panik steigt in ihren Augen auf, über Finkenwerder finden sie auf den ersten Blick nichts in ihren Touristenguides. Wo findet man hier wieder Anschluss in die City zurück? Auf dem See- oder Landweg?
Die Mundwinkel der ruhigen Seemänner krümmen sich zu einem Lächeln. Sie wenden den Blick wieder gen Fenster und warten gelassen auf die Weiterfahrt. Denn die HVV-Fähre fährt die gleiche Strecke nach einigen Minuten wieder zurück.

Über

Judyta Smykowski, 26, kommt aus Hamburg, lebt in Berlin und arbeitet für die taz und leidmedien.de. Judyta ist Gründungsmitglied von Elbmelancholie. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesellschaft, Kultur und Internet. Twitter: @jusmykkreativundgnadenlos.wordpress.com

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