Der Gipfel ist erreicht

Bild: Inga Zimmermann
Wochenrückblicke

Worüber spricht die Welt? In der vergangenen Woche tat sie es über Hamburg. Doch nicht darüber, wie schön die Hansestadt ist und was sie für den Wochenend- oder Musicaltouristen, den Weltenbummlern oder aber Geschäftsreisenden zu bieten hat. Hamburg als das „Tor zur Welt“ und die Weltoffenheit waren auch nicht so richtig das Thema – und wenn doch nur mit dem faden Beigeschmack der Kritik und des Vorwurfes der Blauäugigkeit der Hamburger*innen und Deutschen. Vielmehr waren es die Ereignisse um den G20-Gipfel. Richtig, um diesen Gipfel und nicht der Gipfel selbst waren das Thema. Auch wir berichteten in den vergangenen Wochenrückblicken und unseren Beiträgen über viel G20 Vorgeplänkel, wie wir titelten, und wir griffen das Spiegel-Titelthema „Hauptstadt Hamburg“ auf. (Der Spiegel revidierte Hamburgs Weltstadt-Status übrigens gleich heute in einem Kommentar.)

Pressemedien berichteten über den G20-Gipfel mit Überschriften wie „Protesters flood streets of Hamburg as G20 wraps up“ (CNN), „Ivanka Trump under fire after taking seat among world leaders at G20“ (The Guardian), „Schaden für Deutschlands Ansehen“ (Tagesschau) oder “Hamburg im Ausnahmezustand“ (Radio Hamburg). Es wird schnell klar, worauf wir hinauswollen: Die Medien titelten mehrheitlich mit den ganzen Drumherhum um den G20-Gipfel und oft war es erst die zweite Überschrift, die die Diskussionsinhalte wie den Klimaschutz oder den Freihandel aufgriffen.

Wie aber wollen wir nach so einer ereignisreichen Woche in Hamburg berichten, fragten wir uns. Ganz einfach: Wie immer! Naja, fast, denn die meisten Neuigkeiten kreisen rund um den G20-Gipfel, denn viel mehr schien in Hamburg nicht los gewesen zu sein. Doch schauen wir erst einmal, was sich außerhalb von G20-Demonstrationen ereignete:

Die Rockband Paramore spielte Montagabend im Stadtpark und in der affenfaust Galerie endete gestern Abend die Mitmach-Ausstellung des Museums des Kapitalismus. Ebenfalls gab es anfangs der Woche die Auflösung zu den merkwürdigen weißen Kugeln am Elbstrand in Övelgönne. Sie stammen aus einem Notüberlauf der Kanalisation und sind durch die starken Regenfälle hochgekommen und angeschwemmt worden.

Am Donnerstagabend fand das Global-Citizen-Festival in der Barklaycard-Arena statt, bei dem unter anderen Coldplay, Shakira und Herbert Grönemeyer auftraten. Ebenfalls vor Ort waren bekannte Hamburger Gesichter sowie die Polizei Hamburg. Diese nutzte die Chance, um ein Videointerview ihrem an diesem Wochenende rege genutzten Twitteraccount hinzuzufügen: „Kollege Nick Tschiller“ hat eine Botschaft.

Auf Kampnagel fand der Gipfel für globale Solidarität als Alternativveranstaltung statt. Die Veranstalter*innen und Teilnehmer*innen fordern von G20, die Zivilgesellschaft mehr zu Wort kommen zu lassen und Hilfsorganisationen Mitspracherechte einzuräumen.

Am heutigen Sonntag konnten viele Hamburger Museen eintrittsfrei besucht werden. Warum? G20 diskutierte viele Themen und bot ihnen ein Forum – so auch die Museen, die diese in vielen Ausstellungen ebenfalls aufgreifen und heute ihre Wertschätzung gegenüber den Hamburger*innen ausdrücken möchten.

Der G20-Gipfel

Die inhaltlichen Ergebnisse des zweitägigen G20-Gipfels sind überschaubar. Ein kurzer Einblick: Im Klimaschutz bekannten sich bis auf die USA alle teilnehmenden Länder zu dem Weltklimaabkommen von Paris, nur Erdogan wich kurz nach dem Gipfel von seiner Zustimmung ab. Schleuserei und Menschenhandel müssen stärker bekämpft werden und die Heimatländer von Rückkehrer*innen unterstützt werden. Die wirtschaftliche Unterstützung stand bei der Partnerschaft mit Afrika im Fokus. Im Kampf gegen den Terrorismus wurde eine engere Zusammenarbeit zwischen Nachrichtendiensten und Justizbehörden der Länder vereinbart.

Der G20-Gipfel – Drumherum

Drumherum geschah viel. Da waren zum einen die vielen Demonstrationen und Protestveranstaltungen gegen die G20-Veranstaltung, die zehntausende Menschen mobilisierte (und einige tausend Randalierer). Da waren zum Beispiel die Protestparty „Lieber Tanz ich als G20“, die „Welcome to Hell“-Demonstration, die „Grenzenlose Solidarität statt G20„-Demonstration mit 76.000 Teilnehmer*innen oder die Demonstration „Hamburg zeigt Haltung„. Die wohl kleinste Demonstration in Hamburg, die keinerlei Anmeldung brauchte oder aber Polizeibegleitung hatte trug den Hashtag #lettheworldbegreatagain und fand im Miniaturwunderland statt. Die Spruchtexte konnten dabei von Hamburger*innen vorgeschlagen worden. In Eimsbüttel wurde mit Kreide bunt kommentiert und gemalt, frei dem Motto: „Eimsbüttel zeigt Haltung: Kreide malen gegen G20-Gewalt“, wie unsere Kolleg*innen der Eimsbütteler Nachrichten berichteten.

Der G20-Gipfel – die Polizei

Kommen wir wieder zurück auf die Hamburger Polizei. Diese twitterte in der zurückliegenden Woche sehr viel: teils waren es Informationen zum Einsatzgeschehen, teils waren es Hinweise an Unbeteiligte, sich bei Auseinandersetzungen zu entfernen, teils waren es Klarstellungen zu Gerüchten. Da gab es nämlich viele, die von erblindeten Polizeibeamten, einem geplünderten Supermarkt oder gar Toten sprachen. Zum Glück alles nicht wahr, wenn auch nicht sehr beruhigend. Eine Kritik bleibt: Gaffer und Schaulustige halfen weder ihren etwaigen linken Ansichten an ihrer Durchsetzung noch Anderen, wie in der Süddeutschen kommentiert wird.

Die meisten von uns sahen die Ausschreitungen in der Stadt entweder live, über Videoübertragungen, auf Fotos in den Sozialen Medien oder in den Nachrichten. Es war viel im Vorfeld über die Vorbereitungen der Polizei geredet worden, die Resultate dieser in Kombination mit den realen Ereignissen sahen wir. Schwere Vorwürfe stehen nun im Raum, dass die Strategie der Polizei kolossal gescheitert sei.

Eine „polizeiliche Überforderung“ wurde bereits vor dem Gipfel ausgesprochen, als eine Demonstration des Gängeviertel aus genau diesem Grund – zu wenig zur Verfügung stehende Polizeibeamte – abgelehnt wurde. Eine andere Demo, die für vergangenen Freitagabend geplant war und das Motto „Pro-Erdoğan-Demo!“ trug, war aus denselben Gründen abgelehnt worden.

Der G20-Gipfel – Journalismus

Die Journalisten waren in der letzten Woche immer nah dran am Geschehen. Doch einige hatten trotz eigentlicher Akkreditierung den G20-Pressebereich nicht betreten dürfen, denn das BKA hatte ihnen die Akkreditierung entzogen – die Gründe sind uns nicht bekannt. Es geht aber noch weiter, denn Journalisten wurden an diesem Wochenende wohl auch von Polizeieinsatzkräften angegriffen und beleidigt. Die Pressefreiheit sei bedroht, wie Reporter in einem Artikel der Huffington Post berichten.

Der G20-Gipfel – Wie weiter?

Und jetzt, wie geht es weiter? Es wird aufgeräumt und darüber sinniert, wie es zu dem kam, was passiert ist und wie es weitergeht. Nicht nur die Polizei ist hier das Thema, auch die Politiker*innen. So steht Olaf Scholz unter besonderer Kritik, da er die Gefahr der Großveranstaltung G20 für die Hansestadt unterschätzt habe. Merkel stehe dahingegen gar nicht so schlecht da, innenpolitisch betrachtet zumindest. Die medial überschattenden Krawalle hätten ihr die Chance gegeben, von den positiven Inhalten des Gipfels zu berichten, negative Inhalte in den Hintergrund zu rücken sowie mit ihren besonderen Dank an die Einsatzkräfte der Polizei im Anschluss eine sehr positive Geste auszusprechen, wie in der taz kommentiert wird. Außenpolitisch wurde klar, dass unsere Bundeskanzlerin nicht die führende Rolle im Weltgefüge einnimmt. Wie auch bei G20 steht vielmehr das Gerangel aller führenden Nationen und das zwischen Alphamännchen wie Trump und Putin im Blickfeld.

Über Facebook war zu einer gemeinsamen Aufräumaktion der Spuren der Protestler und Aktionen in den betroffenen Stadtteilen rund um Schanze, Hoheluft und Altona eingeladen worden. Gekommen waren heute Mittag mehrere Tausend. Hamburger Unternehmen spendeten Putzutensilien und Wasser für die Helfer, die den gesammelten Müll und Unrat für die Stadt für die Stadtreinigung an den Straßenrand stellten. Eines der schönsten Videos über die gemeinsame Aktion von Hamburgerinnen und Hamburgern findet ihr hier.

Der HVV möchte nun allen Geschädigten der Ereignisse um G20 in den vergangenen Tagen, deren Auto abgebrannt wurde, kostenlose Monatstickets für den Gesamtbereich schenken. Ebenfalls verkündigte Angela Merkel, dass es Entschädigungen geben solle und versprach ihre schnelle Unterstützung.

Kann die Gewalt in Hamburgs Straßen gleichgesetzt werden mit der Gewalt der G20-Staaten im Weltgefüge? Mit viel Solidarität, Hilfsbereitschaft und friedlichen Protestmärschen zeigten wir, was uns wichtig ist. Hoffen wir, dass unsere Stimmen gehört werden. Der Gipfel ist nun wirklich erreicht. Der G20-Gipel. Der Gipfel an Gewalt. Wir hissen eine weiße Flagge als Friedensangebot und verabschieden uns mit ihr. Wir lassen die G20-Woche hinter uns, die Themen bleiben uns und den G20-Teilnehmerstaaten. Startet morgen gut in die neue Woche!

…ach, wer hat Lust auf die Fußball-Europameisterschaft 2024 in Hamburg, für die morgen die Bewerbungsfrist endet?

 

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Über

“Wenn Deutschland, dann Hamburg.” Am liebsten zumindest. Auch wenn es gerade nicht Deutschland ist, Hamburg ist das Zuhause im Herzen. Hier bei Elbmelancholie kann Inga über ihre Erlebnisse in der Hansestadt Hamburg und Gedanken zu den hiesigen Geschehnissen berichten. Stellvertretende Redaktionsleiterin von Elbmelancholie

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