„Hamburg hat bisher sehr wenig getan, um an die Opfer der Hexenprozesse zu erinnern“ – ein Politikwissenschaftler will das nun ändern.

Bild: Erinnerungsspirale im Garten der Frauen, Ohlsdorf. Foto: Emma7stern/WikimediaCommons. Lizenz: CC-by
Debatte, Netzleben

    Wer an Hexenverfolgung im Mittelalter denkt, dem fallen sicher andere Städte als Hamburg ein. Die eher weltliche Stadt im Norden war sicher keine Hochburg der Hexenverfolgung. Dennoch wurden auch hier je nach Quelle 40 oder mehr Personen Opfer von Hexenprozessen, meist Frauen.

    Der Politikwissenschaftler Jan Vahlenkamp beschäftigt sich seit einiger Zeit mit dem Phänomen. Auf Change.org hat er eine Petition eingereicht, in der er die Stadt Hamburg auffordert, eine Straße nach Katharina-Hanen zu benennen. Katharina-Hanen ist das erste bekannte Opfer einer Hexenverbrennung in Hamburg. In der Petition heißt es: „Es soll darum gehen, an sie stellvertretend für alle Opfer der Hexenverfolgung in Hamburg zu gedenken.“

    Bislang habe die Stadt wenig getan, um diesen dunklen Fleck in der Geschichte aufzuarbeiten und an ihn zu erinnern, so Jan Vahlenkamp. Warum er die Petition gestartet hat, was er sich davon erhofft und warum das Thema Hexenverfolgung auch heute noch aktuell ist, verrät der 34-Jährige im Interview.

    Wie kommt man dazu, eine Petition zur Umbenennung einer Straße nach dem Opfer eines Hexen-Prozesses zu starten?

    Dazu kommt man gar nicht. Umbenennungen von Straßen werden nämlich nur sehr selten vorgenommen. Hier soll es darum gehen, eine neu angelegte Straße mit dem Name Katharina-Hanen-Straße zu versehen. Ich wurde übrigens kürzlich darauf aufmerksam gemacht, dass in der HafenCity noch diverse Straßen entstehen werden, die jetzt noch keine Namen haben. Da diese in unmittelbarer Nähe zum Grasbrook, der ehemaligen Hinrichtungsstätte liegen, wäre das doch eine gute Wahl.

    Dann anders gefragt: Wie kommt man dazu, eine Straße nach dem Opfer eines Hexen-Prozesses benennen zu wollen?

    Hamburg hat bisher sehr wenig getan, um an die Opfer der Hexenprozesse zu erinnern. Viele andere Städte haben die getöteten Hexen mittlerweile per Ratsbeschluss rehabilitiert. Hamburg hat darauf bislang verzichtet. Ich muss aber ehrlich gesagt zugeben: Mir leuchtet auch nicht so ganz ein, was eine Rehabilitierung bewirken soll, wenn alle Beteiligten seit Jahrhunderten tot sind. Ein Straßenbenennung würde da ein viel aktiveres Gedenken darstellen. Und durch die Online-Petition sollen andere Menschen die Möglichkeit bekommen, mein Anliegen zu unterstützen.

    Seit wann beschäftigst du dich mit dem Thema Hexenverfolgung in Hamburg?

    Seit etwa drei Jahren. Ich interessiere mich sehr für Geschichte, aber auch für die Gegenwart. Und da ist mir mal etwas aufgefallen: Der Hexenwahn war im Prinzip die erste Verschwörungsideologie der Neuzeit. Man ging davon aus, dass es eine riesige Hexensekte gebe, die alle untereinander vernetzt seien und der „normalen“ Bevölkerung allerlei Schaden zufügen wollten. „Hexen“ und „Juden“ waren dabei praktisch austauschbar. Und diese Denkmuster gibt es heute immer noch.

    Inwiefern?

    In den 80er und 90er Jahren gab es in den USA eine große Satanistenpanik, in deren Verlauf etliche echte und vermeintliche „Satanisten“ aufgrund sehr zweifelhafter Beweise unter dem Vorwurf von Gewaltverbrechen verhaftet wurden. Die Urteile mussten später aufgehoben werden, ein kollektiver Wahn hatte vorerst über jede Rationalität gesiegt. Aber auch heute noch gibt es diese Einstellung. Xavier Naidoo besingt in seinem umstrittenen Lied „Wo sind sie jetzt?“ genau diese Vorstellung. Und der Glaube an Chemtrails ähnelt ja auch stark dem „Wetterzauber“, der den Hexen vorgeworfen wurde. Sei es explizit oder implizit: Der Vorwurf des Satanismus steht immer im Hintergrund, auch der scheinbar modernen Verschwörungstheorien. Daran sieht man aber: Der Glaube an diese Verschwörungen ist weder lustig noch harmlos, er kann für die Angeklagten tödlich enden. Hier ist viel aufzuarbeiten, die Aufklärung hat noch lange nicht gewonnen. In Afrika oder Indien ist Hexenverfolgung auch im „klassischen“ Sinne heute noch an der Tagesordnung.

    Wie intensiv war die Hexenverfolgung in Hamburg?

    Es gab hier mindestens 40, nach anderen Quellen über 90 Opfer der Hexenverfolgung. Die weitaus meisten Opfer waren Frauen, aber nicht ausschließlich. Damit war Hamburg im Gegensatz zu Bamberg, Köln oder Osnabrück sicherlich keine Hochburg der Hexenverfolgung, dort gab es viel mehr Tote. Meines Erachtens nach ist dies aber für die heutige Millionenstadt kein Anlass, an diese Ereignisse gar nicht zu erinnern. Auch war der Hexenprozess gegen Katharina Hanen einer der ersten in Norddeutschland.

    In der öffentlichen Wahrnehmung ist das Thema nicht sehr präsent. Wer beschäftigt sich mit der Aufarbeitung und wie stark?

    Zum Beispiel gibt es den Pfarrer Hartmut Hegeler aus Unna, der sich bundesweit für die Rehabilitierung der verurteilten Hexen einsetzt. Er hat 2012 auch einen Brief an den Hamburger Senat verfasst. Im Antwortschreiben wurde recht lapidar darauf verwiesen, dass es im Museum für Völkerkunde ein Hexenarchiv gebe und der Senat darüber hinaus kein weiteres Gedenken plane. Und dann gibt es seit letztem Jahr einen Gedenkstein auf dem Ohlsdorfer Friedhof, den der Verein „Garten der Frauen“ aufgestellt hat. Ich war kürzlich dort. Etwa eine Stunde habe ich den Gedenkstein gesucht, bis mir auffiel, dass der Stein Teil eines Gesamtkonstruktes ist, der sogenannten Erinnerungsspirale. Es steht noch nicht einmal drauf, dass er den Opfern der Hexenverfolgung gedacht ist. Er ist Abelke Bleken gewidmet, der einzigen Hamburger „Hexe“, deren Lebensgeschichte heute bekannt ist. Da war mir klar: Das allein kann es nicht gewesen sein.

    Zu Beginn haben nur knapp 60 Leute die Petition unterschrieben, nach ein paar Medienberichten sind es nun knapp 200. Bist du vom geringen Echo enttäuscht?

    Keineswegs. Es ist ja klar, dass eine solche Petition ein anderes Echo auslöst, als eine zu einem aktuellen politischen Thema, bei dem jeder sofort glaubt, Bescheid zu wissen und eine Meinung hat. Hier muss man erst mal einen Text lesen und allein das ist im Web 2.0 schon eine Herausforderung. Ich werde das Ganze jetzt ein halbes Jahr laufen lassen. Und dann freue ich mich über jeden einzelnen und weiß, dass hier schon mehr Öffentlichkeit hinter dem Anliegen steht, als es sonst bei Straßenbenennungen üblich ist.

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    Über

    Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

    1 Kommentar

    1. Pingback: Unerwartet & Unbemerkt: Von Hexen und Telefonzellen

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