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Faszination Alsterjogging

Bilder: Andreas Grieß
Sport, Stadtgefühl

    Ein Tag im Januar führte mir die Besonderheit der Außenalster vor Augen. Es ist bitterkalt und es schneit. Ein unangenehmer Wind weht. Kein tolles Wetter, um Abends noch vor die Tür zu gehen. Das taten demnach auch nicht viele. Auf meinem Trainingsplan stand dummerweise nach dem langen Arbeitstag noch ein langer Dauerlauf. Ich entschied mich, diesen an der Alster zu machen. An diesem Abend waren keine Spaziergänger oder Familien unterwegs, die im Sommer zu Hunderten die Gehwege bevölkern. Auch mit dem Hund war niemand spazieren. Doch das bedeutet nicht, dass es an der Alster menschenleer gewesen ist. Im Gegenteil. Auf meinen beiden Runden kamen mir viele Läufer entgegen. In die gleiche Richtung wie ich waren mindestens ebensoviele unterwegs. Viele überholte ich, einige spurteten an mir vorbei. Den meisten Läufern merkte man an, dass sie regelmäßig laufen gehen. Sie offenbarten einen guten Laufstil, trugen moderne Laufkleidung. An diesem Abend war die Alsterstrecke eine Sportstätte. Da fühlte ich mich zuhause.

    Die Runde um die Außenalster gilt als eine der beliebtesten Joggingstrecken, nicht nur Hamburgs, sondern Deutschlands. Die etwa 7,5 Kilometer lange Strecke ist auch im Winter ausgezeichnet beleuchtet. Während man auf anderen Wegen nicht selten mit Radfahrern zu tun hat, die einem im besten Fall zügig überholen, im schlechtesten jedoch ewig hinter einem herfahren oder sogar langsamer unterwegs sind als die Läufer, gibt es für sie an der Alster weitestgehend eigene Wege. Und auch die Hundebesitzer sind hier zumindest meistens aufmerksamer und haben ihre Hunde angeleint oder auf den großen Wiesen. Im Stadtpark beispielsweise kann es Läufern im Gegensatz dazu auch passieren, dass sie ein scheinbar herrenloser Hund verfolgt, da die Besitzer ihn abgeleint haben und im Anschluss mehr auf ihr Handy als ihr Tier geachtet haben.

    An der Alster treffen Läufer Gleichgesinnte

    Läufer haben es in der Stadt ohnehin schwer. Die meisten Wege sind asphaltiert. Bis man in einem Park oder an der Alster angelangt ist, muss man meist über viele Straßen und Fußgängerampeln. Dazwischen geht der Weg über Gehwege mit wenig verständnisvollen Passanten. Völlig überrascht davon, dass hinter ihnen jemand auftaucht, der schneller unterwegs ist als sie, halten sie Pöbeln oft für die sinnvollere Reaktion als eine Entschuldigung. Die Aufforderung, doch auf einen Sportplatz zu gehen, wird wohl schon jeder Läufer zumindest innerlich wahlweise mit der Erklärung, dass zehn Kilometer auf einer 400 Meter-Bahn sehr eintönig sind oder der Aufforderung, besagte Sportplätze dann doch bitte besser zu finanzieren, beantwortet haben. Auch aus solchen Gründen geht aus Laufstrecken wie der Alster eine besondere Faszination hervor. Hier findet man Gleichgesinnte, einen angenehmen Untergrund und kaum Unterbrechungen im Lauffluss.

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    Im Sommer, vor allem am Wochenende, wird es freilich dennoch brechend voll an der Alster. Die Läufer hält das jedoch nicht ab. Slalomlaufen müssen sie in dieser Jahreszeit, in der auch Normalsterbliche wieder Wege außerhalb der Strecke von Couch zum Kühlschrank entdecken, ohnehin. Und auch wenn sie sich den ein oder anderen genervten Spruch anhören müssen, haben sie um die Alster ein wenig Artenschutz. Vielleicht ist es nur Gewohnheitsrecht, vielleicht liegt es auch an der Geografie.

    Die Beliebtheit der Alster als Laufstrecke zeigt sich aber nicht nur an der Zahl der anzutreffenden Läufer. Viele identifizieren sich stark mit “ihrer” Alster. In den Sozialen Medien posten Läuferinnen und Läufer Bilder von der Alster. Bescheiden, wie Sportler nunmal sind, gestalten sie diese Bilder gerne als Selfie. Und wenn sie gerade anderswo in der Welt sind, vergleichen Hamburgs Läufer die Strecken im Urlaub mit der Alster und suchen Parallelen, beginnen aber meist nach spätestens einer Woche, ihre Laufstrecke zu vermissen.

    „Jeder Lauf um die Alster ist anders“

    Eine Läuferin, die in den Sozialen Medien gerne von der Alster schwärmt, ist Nicole. Als “mainspeed.running” teilt sie Laufergebnisse, ihr Empfinden – und ihre Begeisterung für die Alster. “Ich liebe die Alster einfach, selbst wenn ich nicht laufe, bin ich unheimlich gerne an der Alster”, verrät sie mir. Doch was begeistert sie so an der Strecke? “Das Tolle ist, dass sie immer wieder aufs Neue fasziniert. Jeder Lauf um die Alster ist anders, weil das Zusammenspiel der Komponenten Wetter, Wind, Tageszeit und Jahreszeit unzählige Stimmungen mit sich bringt”, so die Läuferin.

    „Hin und wieder trifft man auf bekannte Gesichter und fühlt sich richtig zuhause.“

    Am schönsten sei für sie ein Lauf morgens bei Sonnenschein im Frühsommer, wenn die Kirschblüten blühen, die Sonne im Wasser relektiert wird und noch nicht viel los ist. Aber auch abends, wenn gerade die Sonne untergeht und die Skyline anfängt zu leuchten, sei es unheimlich schön. Nicole: “Es gibt viel zu sehen, auch wenn man fast täglich läuft. Ich laufe gerne mit einem Blick in die Weite.” Hin und wieder treffe sie auf der Strecke zudem bekannte Gesichter. Dann fühle sie sich “richtig zuhause”. “Und dann ist da natürlich noch Alsterrunning”, sagt Nicole.

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    Alsterrunning ist eine weitere Besonderheit in der Hamburger aber auch deutschen Joggingszene. Seit dem Sommer 2012 sind entlang der Alster sechs Messstationen aufgebaut. Läufer können sich einen speziellen Chip bestellen, an den Schuh binden und dann ihre Zeiten messen lassen. Automatisch erscheinen sie in der Community von Alsterrunning. Hier können die Läufer sich gegenseitig vergleichen, sehen wer wie oft oder wie flott unterwegs war, sich loben und anspornen oder zum gemeinsamen Laufen verabreden. “Der Wettbewerb hat noch einen zusätzlichen Trainingseffekt und man hat Spaß mit der Community”, berichtet Nicole.

    Rund 4000 „Alsterrunner“

    Verantwortlich für Alsterrunning ist Michael Brügmann, der die Idee laut eigener Aussage bei einer Teilnahme am Hamburg Marathon bekam, wo es Freunden möglich war, seine Position nachzuvollziehen. Wäre es nicht toll, so etwas auch für die tägliche Laufstrecke zu haben, dachte sich Brügmann und plante los – zu einer Zeit, zu der GPS-Uhren und Laufapps noch unbekannt waren. Als er auf die Stadt zuging, um eine Genehmigung für seine Installation zu erwirken, stieß er auf überraschend positives Echo. “Das war erfreulich unkompliziert”, erinnert sich der studierte Elektrotechniker, der die technischen Aspekte von Alsterrunning weitestgehend selbst erledigen konnte, auch wenn die Hersteller der Zeitmessung bis dahin nicht auf Permanentinstallationen eingestellt waren. “Das war etwas schwieriger”, so Brügmann.

    „Gerade unsere Aktionen kommen gut an. Wir sind eine Art hyperlokale Laufcommunity“

    Schwieriger, aber nicht unlösbar, wie sich seitdem zeigte. Aktuell hat Alsterrunning laut eigenen Angaben mehr als 4000 registrierte Nutzer. Gezeigt habe sich: “Zeitmessung ist das eine. Aber gerade unsere Aktionen kommen gut an” Als solche Aktionen gibt es etwa Wettbewerbe zur Fußball-WM und eine Spendenlauf-Aktion im Winter. Jüngst wurde zudem ein Flüchtlings-Lauftreff ins Leben gerufen. Bei solchen Events kommen Alsterunner zusammen und lernen sich kennen. Dies und die Tatsache, dass alle auf der gleichen Strecke unterwegs seien, mache auch heute noch den Mehrwert zu Laufapps aus. „Wir sind eine Art hyperlokale Laufcommunity“, so Brügmann.

    An der Alster kommen viele Dinge zusammen, die das Gelände zu einer besonderen Laufstrecke machen. Und so kommt es, dass es winden und schneien kann – auch wenn die Touristen gerade weit weg sind, ist dennoch etwas los um die Alster. Und manchmal sind darunter sogar richtig schnelle Läuferinnen und Läufer, die dann auf den Wettkämpfen des Landes nach dem erfolgreichen Zieleinlauf zu ihrer schönen Laufstrecke in der Heimat befragt werden.

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    Über

    Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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