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Wir müssen weg von der Mitte

Bild: Andreas Grieß
Debatte

    Ende Januar forderte Andreas in einem Kommentar einen neuen Widerstand der Mitte. Dominik Brück, der ehemalige stellvertretende Chefredakteur von Hamburg Mittendrin, hat den Beitrag gelesen und antwortet darauf in einem Gastkommentar.

    In der Politik bedeutet die Mitte nichts anderes als Stillstand. Andreas hat in einem Beitrag einen Widerstand der Mitte gefordert, der sich für etwas einsetzen soll, statt dagegen zu sein. In einer politischen Debatte die Mitte zu beschwören, ist jedoch nicht zielführend. Andreas hat recht wenn er schreibt, dass die Gesellschaft nicht nur aus den Positionen Schwarz und Weiß besteht. Doch auch die Zwischentöne müssen sich links oder rechts der Mitte einordnen, um wahrgenommen zu werden. Geschieht das nicht, erscheint Politik alternativlos. Der Drang der einstigen Volksparteien CDU und SPD zur Mitte ist letztlich ein Faktor für die große Zustimmung zu extremen Positionen.

    Während die Populisten am linken und rechten Ende des Spektrums vermeintlich einfache Antworten anbieten, erwecken die sogenannten Parteien der Mitte bei den Bürgern nicht mehr den Eindruck Lösungen zu haben und politisch gestalten zu wollen. Das ist der Grund, warum wir links und rechts der Mitte wieder starke Meinungen brauchen. Politik muss den Bürgern wieder Alternativen anbieten und die Wahl zwischen verschiedenen Formen des Zusammenlebens lassen. Andreas schreibt, die Mitte solle sich für etwas engagieren, statt dagegen zu sein. Genau das Gegenteil ist aber der Fall: Die Mitte will sich von Rechts und Links abgrenzen, steht aber selbst für nichts.

    Doch erst in der Abgrenzung von anderen können sich Ideen entwickeln, die für verschiedene Gesellschaftsmodelle stehen. Links oder rechts zu sein macht niemanden zum Extremisten. Eine deutliche Positionierung im politischen Spektrum schafft klare Konturen und eröffnet Perspektiven. Erst wer sich gegen andere Meinungen entscheidet, kann aus voller Überzeugung für seine eigene einstehen. Um beim Beitrag von Andreas zu bleiben: Erst wenn ich mich dazu entscheide, gegen die Pläne der Stadt Hamburg für die Olympischen Spiele zu sein, beginne ich mir über Alternativen Gedanken zu machen und selbst eine Position zu entwickeln. Erst wenn ich weiß, dass ich gegen das rassistische Gedankengut der Rechtspopulisten stehe, schaffe ich mir eine eigene Vorstellung vom gemeinsamen Zusammenleben und beginne mich für diese einzusetzen. Und erst wenn ich sexistisches Verhalten anderer verurteile, prüfe ich auch mein eigenes Handeln, um derartige Muster nicht zu wiederholen.

    Anders als Andreas es fordert, müssen wir weg von der Mitte. Wir brauchen eine Gesellschaft mit klaren Positionen. Politik muss wieder als Wahl zwischen verschiedenen Alternativen wahrgenommen werden. Dabei sind alle Formen des Extremismus abzulehnen, während alle anderen Lebensentwürfe gleichberechtigte Geltung haben müssen. Erst, wenn wir wieder von Positionen links und rechts der Mitte diskutieren, wird eine wirkliche Debatte möglich. Und auch, wenn wir dabei über die unterschiedlichsten Gesellschaftsformen diskutieren: In einer wirklich freien Gesellschaft enden die Rechte des Einzelnen erst an der Nasenspitze des anderen. Es muss möglich sein alles zu denken – gerade wenn das bedeutet, andere Meinungen abzulehnen.

    Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenen. – Rosa Luxemburg

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    Dieser Text wurde von einem Gastautor verfasst.

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