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„Ich bin selbst ein CEO meines Alltages“ – Anastasia Umrik im Interview zur #smwhh16

Bild: Anna-Lena Ehlers
Netzleben

    Anastasia Umrik entwirft Mode, spricht auf Kongressen zum Thema Inklusion und ist in Hamburg nicht wegzudenken. Im Interview erzählt sie, was sie als Speakerin auf der Social Media Week in Hamburg mit den Sessionteilnehmern vor hat.

    Anastasia, auf deiner ersten diesjährigen Session der Social Media Week am Dienstag (23. Februar) lädst du die TeilnehmerInnen dazu ein, unter anderem drei Stunden in einem Rollstuhl zu verbringen. Warum ist dieses „eine Behinderung ausprobieren“ so wichtig? Mehr als einen „Aha-Effekt“ wird es nicht geben, oder?

    Ein „Aha-Effekt“ ist schon ganz schön viel! Es gibt so viele verschiedene Lebenswelten, Sichten und Meinungen. Die eines Rollstuhlfahrers oder generell eines Menschen mit Behinderung ist für jemanden ohne eine Einschränkung selbstverständlich nicht so leicht zugänglich; sie müssten sich aktiv auf die Suche nach solch einer Erfahrung begeben, was die Wenigsten machen. Mir wurde diese Erfahrung von der Kindheit auf mitgegeben – ich nutze die Veranstaltung als Chance, andere an dieser Erfahrung teilhaben zu lassen. Ich würde auch gern mehr „Aha-Momente“ erleben, Erfahrungen machen, die mich Dinge besser verstehen lassen. Es muss ja nicht immer gleich ein „Kloß im Hals“ hinterbleiben – Spaß und Staunen reichen. Vorerst.

    Die Veranstaltung heißt: „3 Stunden, die dein Leben prägen werden“. Wie könnte die Prägung, die du versprichst, aussehen?

    Was mit einem Spaß beginnt – „Whooohooo, ich fahre einen Rollstuhl!!“ – könnte mit nachhaltigem Umdenken enden. Wenn die Session-Teilnehmer sich wie gewohnt einen Kaffee kaufen möchten, aber dann feststellen, dass sie zunächst Geld am Automaten abheben müssen, der wiederum am Ende des Bahnhofs ist und sie dafür die große Straße ohne Ampel überqueren und durch die Menschenmasse müssen… Nein, es wird nicht die Welt sofort verändern. Wie denn auch? Aber es kann der kleine Beginn einer Veränderung werden, weil die Teilnehmer davon weiter erzählen und unter dem Hashtag #smw3h darüber live auf den Social Media Kanälen berichten können.

    Was ist dein eigener Nutzen aus dieser Session? Du wirst wahrscheinlich viel zu lachen, haben, weil sich die Menschen in einigen Situationen bestimmt komisch verhalten und hilflos sein werden. Aber was geht darüber hinaus?

    Ich möchte mich nicht über die Hilflosigkeit oder Verzweiflungen lustig machen. Insgeheim freue ich mich aber, wenn kleine „Katastrophen“ passieren, nur so kann man etwas bewegen und verändern. Inzwischen kennt man ja meinen Stil der Arbeit und der Kunst: Ich möchte nicht mit der Holzhammermethode zum Umdenken bewegen oder die Veränderung gar erzwingen – das führt ins Leere. Ich möchte die Teilnehmer mit einem Lächeln auf eine Kurzreise begleiten, ihnen ‚meine‘ Welt zeigen und auch von ihnen lernen: Wie fühlt es sich eigentlich an, wenn man sonst im Stehen die Welt betrachtet und dann plötzlich sitzend? Das kann ich mir ja auch gar nicht vorstellen. Insofern: Wir lernen alle von einander.

    Dein zweiter Talk am Mittwoch, 24. Februar, vergleicht die Situation eines Menschen, der Unterstützung im Alltag, also eine Assistenz braucht, mit der Rolle eines CEOs. Wie bist du auf diese Parallele gekommen?

    Im gar nicht allzu weiten Sinne bin ich selbst ein CEO meines Alltages: Ich suche mein Personal selbst zusammen, ich stelle sie ein, ich führe sie in meinen Alltag und die Aufgabenbereiche ein, ich motiviere, ich gebe Feedback – Das alles machen CEOs auch. Wir beschäftigen uns mit den gleichen Sachen: Wie kriege ich die perfekte Mischung aus Nähe und Distanz hin? Und wie können wir langfristig von einander profitieren? Eine Besonderheit unterscheidet mich jedoch von einem ’normalen‘ CEO: Ich bin körperlich 24/7 auf meine Mitarbeiterinnen angewiesen. Assistenz bedeutet Freiheit für mich, nur so kann ich leben, wie ich es will.

    Das Leben mit Assistenz hast Du vor kurzem auf deinem Blog beschrieben. Du hast also ständig jemanden um dich herum, der dir hilft, wenn du es brauchst. Wie ist es dann eigentlich für dich, entspannt auf dem Sofa zu sitzen und einfach nichts zu machen? Ist Entspannung eigentlich möglich, wenn man weiß, da wartet ein Mensch, der Aufgaben bekommen möchte?

    Das ist eine sehr interessante Frage, die mir so noch nie gestellt wurde. Jetzt fühle ich mich seltsam, weil ich mir darüber noch nie Gedanken gemacht habe. Vor sieben Jahren, als ich von Zuhause ausgezogen bin (mit 21 Jahren), habe ich mir immer einen großen Kopf gemacht: ‚Was denkt sie von mir, wenn…?‘ oder ‚Der Job ist bestimmt total doof und langweilig, bald kündigen mir alle!‘ Heute denke ich da gar nicht mehr (na gut, sagen wir ‚weniger‘) nach, ob die Assistentin gelangweilt auf mich wartet oder enttäuscht ist, dass sie bei einer Veranstaltung nicht mit dabei sein darf. Es ist mein Leben, mein Alltag, sie werden dafür bezahlt. Wir haben einen Deal und alle sind happy. Und manchmal, so ist es ja nicht, trinken wir einen Wein zusammen und erzählen uns Geheimnisse aus der Jugend.

    Was sind aus Deiner Sicht die wichtigsten (zwischenmenschlichen) Regeln zwischen Dir und Deinen Assistenten?

    Man kann es auf diese drei Punkte runterbrechen:
    – Kommunikation auf Augenhöhe
    – Selbst- und Fremdreflektion
    – Feedback und klare Ansagen

    Zum Schluss hätte ich gerne noch eine Einschätzung von dir: Wie barrierefrei ist Hamburg, aus Deiner Sicht?

    Hamburg ist recht barrierefrei! Ganz im Gegensatz zu Städten wie Würzburg, wo die Busfahrer sich teilweise weigern, Rollstuhlfahrer mitzunehmen. Oder Lüneburg, eine Stadt, die aus Kopfsteinpflaster besteht.  Aber ‚Barrierefreiheit‘ bedeutet (für mich) nicht nur, dass ich mit Bus und Bahn fahren oder im Park spazieren gehen kann, sondern auch die Zugänglichkeit zu allen Locations der Stadt und insbesondere der Umgang miteinander. Da können die manchmal kühlen Hamburger noch etwas lernen.

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    Über

    Judyta Smykowski, 26, kommt aus Hamburg, lebt in Berlin und arbeitet für die taz und leidmedien.de. Judyta ist Gründungsmitglied von Elbmelancholie. Ihre Themenschwerpunkte sind Gesellschaft, Kultur und Internet. Twitter: @jusmykkreativundgnadenlos.wordpress.com

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