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Deutsche Judo-Meisterschaften in Hamburg: Großer Sport, kleines Interesse

Bilder: Andreas Grieß
Sport

    Es gibt laute Sportarten und es gibt leise Sportarten. Der Fußball ist sicher eine laute. Als am Freitag Rekordmeister München im Volkspark spielte, kamen 57.000 Zuschauer und zahlten dafür teils dreistellige Eurosummen. Es wurde getrunken, geschrien und gesungen. Für den HSV setzte es die erwartete Niederlage. Immerhin können die Anwesenden behaupten, den amtierenden und wohl kommenden Deutschen Meister live gesehen zu haben.

    Deutsche Meisterinnen und Meister wurden am Samstag auch in der Alsterdorfer Sporthalle gekürt. Bei den Deutschen Judomeisterschaften standen die Titelkämpfe in vier Gewichtsklassen bei den Männern und vier bei den Frauen an. Am Sonntag werden drei weitere in beiden Geschlechtern folgen. Doch im Gegensatz zum Fußball ist Judo eher ein Vertreter der leisen Sportarten. Am Samstag sind vielleicht ein paar Hundert Zuschauer in der Sporthalle, die meisten von ihnen sind allem Anschein nach Verwandte oder Freunde von Teilnehmern der Titelkämpfe. Neutrale sportbegeisterte Zuschauer findet man so gut wie nicht.

    Auch während der Kämpfe erweist sich Judo als leise Sportart. Nicht, dass man sich grölende Fans und Fangesänge wünschen würde – die volle Konzentration auf dem Sport verleiht dem Geschehen durchaus seine Bedeutung. Nur einige Anweisungen der Trainer und vereinzelte Anfeuerungen sind zu hören. Entscheidet der Kampfrichter per Handzeichen für einen der Konkurrenten, gibt es Jubel bei den Angehörigen des Siegers.

    Kampf und Siegerehrung von Nieke Nordmeyer (TH Eilbeck, in weiß)

    Etwas lauter wird es, als Nieke Nordmeyer vom TH Eilbeck um den Titel bei den Frauen bis 52kg kämpft. Die Hamburgerin hat logischer Weise mehr der Ihren in die Halle mitgebracht. Im Kampf unterliegt sie Ines Beischmidt aus Großbeeren in Brandenburg. Und auch Robin Wendt vom Niendorfer TSV als zweiter Hamburger Judoka in den Endkämpfen am Samstag schafft es, ein bisschen mehr Lautstärke in die Halle zu bringen, als er Bronze bei den Männern bis 100kg gewinnt. „Viele aus meinem Heimatverein und Freunde aus Hamburg sind hier, die sich das angucken. Die haben sonst nie die Möglichkeit, weil es zu weit weg ist“, verrät er im Anschluss. Dass die Titelkämpfe dieses Mal in Hamburg stattfinden, findet er daher „cool“ – auch wenn die Meisterschaft außerhalb der Bekanntenkreise der Teilnehmer auf wenig Interesse stößt.

    Ähnlich sieht es Vizemeisterin Nieke Nordmeyer: „Die Halle war eher gefüllt mit Familien und Freunden und nicht so sehr mit Leuten außerhalb dieser Gruppen. Vielleicht hätte man da noch ein bisschen mehr Werbung machen können.“ Dafür, dass Judo aber, wie sie selbst sagt, eine „Randsportart“ sei, sei die Halle aber schon ganz gut gefüllt gewesen.

    Kampf und Siegerehrung von Robin Wendt (Niendorfer TSV, in blau)

    In gewisser Weise ist die Judo-DM in Hamburg noch ein Nachklang der abgelehnten Olympia-Bewerbung, die man auch mit Meisterschaften verschiedenster olympischer Sportarten in Hamburg pushen wollte. Am Wochenende findet man logischer Weise keine Feuer- und Flamme Werbung mehr in der Sporthalle, wie noch im vergangenen Jahr bei Handball-Pokal der Frauen. Und auch die Begeisterung innerhalb der Stadt, für eine Veranstaltung, die für vieler der Athleten der Höhepunkt eines langen Trainingsjahres war, die Werbetrommel zu rühren oder durch Politpräsens zu ehren, scheint etwas verflogen. Apropos Olympia: Einige der besten deutschen Judoka nehmen an der Meisterschaften leider gar nicht teil, da sie international kämpfen auf ihrem Weg nach Rio. Das wertet die Titelkämpfe in Hamburg freilich etwas ab. Mehr Beachtung von Zuschauern und Medien hätten die Judoka dennoch verdient gehabt. Am Sonntag gibt es dafür noch eine Chance.

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    Über

    Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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