Fuss_Subway

Schleichwerbung im Fahrgast-TV der Hochbahn?

Bild: Sebastian Pichler/stocksnap.io
Debatte

    Fahrgast-TV in der Hochbahn am vergangenen Freitag: Mehrere Sekunden lang springen Personen in das Bild, probieren zunächst einige Verkleidungen an, um dann für weitere, lange Sekunden als Polonäse durch das entsprechende Geschäft zu tanzen. Die Kleiderständer mit verschiedenen Kostümen sind gut im Bild, ebenso der Eingang zum Sonderverkaufsbereich im Geschäft. Um welches es sich dabei handelt, ist offensichtlich, wird es doch in der Betitelung der Bilder ausdrücklich erwähnt: die Galerie Kaufhof. Und nach dem beinah schon quälend langen Video erscheint zudem noch Text – ganz im Stil der Meldungen, in denen sonst darüber berichtet wird, was in Politik, Sport und Gesellschaft gerade nachrichtlich relevant ist.

    In diesem Text wird ein weiteres mal erwähnt, dass das Geschäft in Hamburgs Innenstadt einen ausgedehnten Kostümverkauf bis Karneval betreibe. Werbung? Schaut so aus! Eine Kennzeichnung als solche? Nein! Als Ressort, also da wo sonst zum Beispiel „Stars“, „Sport“ oder „Aktuell“ steht, ist „Cool“ zu lesen – nicht etwa „Werbung“ oder „Anzeige“. Der Farbton des Screens ist der gleiche wie bei Meldungen aus dem Bereich „Panorama“. Sonst ist Werbung im Fahrgast-TV optisch stets deutlich abgegrenzt. Es riecht also nach Schleichwerbung.

    Hochbahn verweist auf Unternehmen aus Hannover

    Was sagt die Hochbahn dazu? Per E-Mail frage ich an, ob es sich bei den Einblendungen um bezahlte Inhalte handelt und wenn ja, warum diese nicht eindeutig als Anzeige gekennzeichnet seien. Die Pressestelle antwortet mir, dass das Unternehmen der falsche Ansprechpartner sei. Die Inhalte des Fahrgast-TVs würden mit Ausnahme eines kleinen Teils für betriebliche Inhalte der Hochbahn von der public broadcast Rundfunkgesellschaft in Hannover geliefert und verantwortet. Es gäbe auch keine Freigabeschleife der Inhalte von Seiten der Hochbahn, die bei der Themenauswahl und Darstellung nicht beteiligt sei.

    Bezüglich der Beiträge über die Karnevalkostüme habe man nach meiner Anfrage Kontakt mit dem Dienstleister aufgenommen. Ganz einverstanden scheint man mit diesem Inhalt demnach wohl nicht zu sein, auch wenn die Hochbahn dies nicht explizit sagt und sie mich für eine konkrete Stellungnahme zum Fall an die public broadcast Rundfunkgesellschaft weiter verweist.

    Redaktion spricht von „redaktionellen Beitrag zum Thema Karneval“

    Also frage ich auch dort zum Sachverhalt an. In der Preisliste für Anzeigen in Hamburgs U-Bahn entdecke ich den Hinweis an potentielle Werbekunden, dass man verpflichtet sei, Werbung als solche so zu kennzeichnen, „dass sie sich klar vom übrigen Programm abgrenzt.“ Ein solcher Hinweis ist gegenüber Werbeinteressierten offenbar notwendig, eine Erfahrung, die auch wir immer wieder machen.

    Aber: Grenzt sich der Kostüme-Beitrag deutlich ab? Nein! Also ist hier entweder eine Anzeige „durchgerutscht“ oder das Unternehmen hat die Augen verschlossen. Weder noch, wie mir einige Tage später in einer Stellungnahme entgegnet wird. Darin schreibt René Schweimler, Geschäftsführer und Chefredakteur der public broadcast Rundfunkgesellschaft: „Bei der von Ihnen beanstandeten Meldung handelt es sich um einen redaktionellen Beitrag zum Thema Karneval.“

    Im Beitrag würden Karnevalskostüme vorgestellt und es werde darauf verwiesen, wo die Aufnahmen gemacht worden und die Kostüme zu erwerben seien. Weiter heißt es: „Zum Themenkomplex Karneval hat die Redaktion weitere Meldungen verfasst, in denen auch andere Fachgeschäfte als mögliche Bezugsquellen für Karnevalskostüme genannt werden.“ Die Berichterstattung zum Thema sei von einem Redakteur aus eigenem Ermessen verfasst worden. Schweimler: „Es handelt sich nicht um bezahlte Inhalte. Die „Galeria Kaufhof“ gehört nicht zu den Kunden des Fahrgastfernsehens.“

    Fahrgastfernsehen erreicht 27 Prozent der Hamburger

    Werbliche Inhalte würden nicht von der Redaktion erstellt, sondern seien vom Kunden individuell zu gestalten, teilt man mir mit. Sie seien stets mit dem Hinweis „Werbung“ gekennzeichnet. Ohnehin würde die Vermarktung der Werbeinhalte durch ein anderes Unternehmen, die die Ströer Deutsche Medien GmbH, betrieben. „Beide Unternehmen agieren völlig unabhängig voneinander“, betont Schweimler. Abschließend heißt es in der Stellungnahme, dass die Redaktion auch künftig unabhängig von werblichen Interessen Beiträge ausstrahlen werde, die aus redaktioneller Sicht einen Mehrwert für die Fahrgäste der Hochbahn böten.

    Da ich keinerlei Beweise habe, dass die Ausführungen der Stellungnahme nicht zutreffend sind, bleibt mir und allen Lesern des Fahrgast-TV nichts anderes, als dem Unternehmen zu glauben. Ein Zweifel allerdings bleibt. Der Karnevals-Fall ist übrigens nicht das erste Mal, dass mir solche Inhalte auffallen. Auch ein Reiseunternehmen sprang mir schon einmal mit seinem Angebot innerhalb der Meldungen des Fahrgast-TV ins Auge.

    Selbst wenn die Beiträge also keine bezahlten Beiträge sind, täten die Redakteure gut daran, mehr kritische Distanz zu wahren. Immerhin erreicht man nach eigener Angaben in einer Woche 27 Prozent der Hamburger Bevölkerung. So auch teile unserer Redaktion – wir werden das Thema weiter beobachten.

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    Über

    Andreas kam 2010 zwei Monate für ein Praktikum nach Hamburg. Im Sommer 2012 kehrte er nach abgeschlossenem Studium zurück, um hier als Journalist zu arbeiten. Twitter: @youdazandreasgriess.de Redaktionsleiter von Elbmelancholie

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