polizisten

Rockerkrieg und Silvesterskandal auf dem Kiez

Bild: powerboox via Flickr.com. Lizenz: CC by-sa 2.0
Debatte

    Der Jahreswechsel ist ja nun schon ein paar Tage her, aber noch immer bestimmen die sexuellen Übergriffe, die zum Jahreswechsel neben Köln wohl auch auf der Reeperbahn stattgefunden haben, den öffentlichen Diskurs. Schuldzuweisungen und Shitstorms lenken von den wirklich wichtigen Fragen ab, wie und warum das alles überhaupt passieren konnte und was genau jetzt zu tun ist, um eine weitere Eskalation zu verhindern.

    In der Silvesternacht selbst ahnten zumindest meine Freunde und ich noch nichts davon, welche Dramen sich auf dem Kiez abspielten: Weil wir aus Versehen schon in der Nacht zuvor über den Durst gefeiert hatten, begaben wir uns in besagter Nacht nicht auf den Kiez, sondern faulenzten im privaten Rahmen bei Bierchen und Wunderkerzen in Barmbek. Auf dem Nachhauseweg verpassten wir im Neujahrsnebel die Bahnhaltestelle und hingen nunmehr im Barmbeker Niemandsland fest, von wo aus uns ein Taxi nach Hause bringen sollte.

    Mit dem Taxifahrer kamen wir ins Gespräch über ein anderes Thema, das „Crime City Hamburg“ derzeit in Aufregung versetzt: Am 28.12. fielen sieben Schüsse, mitten auf der Reeperbahn. Getroffen wurde ein Taxi mit Mitgliedern einer Rockergang Mongols, die, wie man am Rande mitbekommen haben könnte, den hiesigen Hells Angels seit einiger Zeit das Revier streitig machen. Zwei Mongols wurden bei der Schießerei verletzt, einer davon schwer.

    Unser freundlicher Taxifahrer, teilte seine berufsbedingten Insider-Informationen bezüglich des dräuenden Rockerkrieges mit uns. Fasziniert und ungläubig lauschten wir seinen lässig vorgetragenen Ansichten über das Kuttenverbot, die Verbrüderung der Mongols mit den Bandidos und eine Transsexuelle, die vor nicht allzu langer Zeit in geklauter Angels-Kutte über den Kiez spazierte. „Schon das war eine Kriegserklärung“, urteilte der Mann am Steuer.

    Wenige Tage nach der Schießerei auf dem Kiez schlugen die Angels wieder zu: Bei einer Messerattacke in Horn wurde wieder ein Mongol verletzt. Beschuldigt werden Personen im Alter von gerade einmal 20 bis 24 Jahren. Der Antwort auf eine kleine Anfrage des CDU-Bürgerschaftsabgeordneten Dennis Gladiator ist zu entnehmen, dass die Polizei Hamburg derzeit davon ausgeht, dass es in Hamburg zwei Chapter der Hells Angels mit jeweils etwa 15 Mitgliedern, sowie ein Chapter der Mongols MC mit circa 20 Personen gibt. Hinzu kommen Sympathisanten und Unterstützer. Nun wird, wenn man der MoPo glauben darf, auf Seiten der Mongols mit Rache im großen Stil gedroht: Über 200 Mann Verstärkung sollen sie von anderen Clubdivisionen aus ganz Europa angefordert haben, um den Mordanschlag zu sühnen.

    Oha! Wie man hier so sagt. Ist ja wie bei „Sons of Anarchy“! Sicher, Bandenkriege im Revier sind nicht zu verharmlosen und können auch Unbeteiligte, wie zum Beispiel unseren Taxifahrer, gefährden. In Angst und Schrecken versetzen sie uns Normalos und Normalas aber trotzdem nicht so sehr wie die Terrorwahnung an Silvester in München oder eben die Vorkommnisse, die sich in jener dunklen Silvesternacht auch auf dem Kiez ereigneten und von denen wir erst Tage später erfahren sollten.

    Bisherige Resultate dieser Nacht, Stand Donnerstag: 195 Anzeigen, 306 Personen, die sich als Geschädigte gemeldet haben, allgemeine Beunruhigung bis hin zu mittelschwerer Paranoia, mehr Polizeipräsenz auf dem Kiez. Mittlerweile wurden acht Verdächtige ermittelt, denen konkrete Taten auf St. Pauli oder am Jungfernstieg zugeordnet werden. Laut Frank-Martin Heise vom LKA seien darunter auch Flüchtlinge, andere würden schon seit Jahren in Hamburg leben. Gegen rund zwanzig weitere Personen werde ermittelt. Am Wochenende nach dem Tag X soll es auf dem Kiez fast schon gespenstisch ruhig zugegangen sein, wie viele berichten – was man neben dem miesen Wetter auch der Angst angesichts der Silvestereskalationen zuschreibt.

    Aber Rockerkrieg hin, sexuelle Übergriffe her: No-go-Areas in Hamburg sind und bleiben ein No-Go. Das gilt sowohl für Frauen als auch für Geflüchtete, die sich auch dank teils verantwortungslos reißerischer Berichterstattung mancher Medien nun beträchtlichen Gefahren ausgesetzt sehen.

    Dass hier wie jüngst in Köln Jagd auf dem vermeintlichen Täterprofil entsprechende Menschen gemacht wird, darf ebenso wenig sein wie verängstigte Frauen, die sich nicht mehr oder nur noch in männlicher Begleitung auf die Reeperbahn trauen und die Straßenseite wechseln, sobald sich „Männer nordafrikanischen Aussehens“ nähern. Also bitte, Hamburg, bleib cool, hüte Dich vor unzulässigen Verallgemeinerungen und zeig Zivilcourage, wo immer es nötig ist.

    • Anzeige


    Schreibe einen Kommentar


    Captcha: Time limit is exhausted. Please reload CAPTCHA.