Tattoo – Die neue Ausstellung im MKG Hamburg

Bilder: (c) MKG Hamburg
Kunst und Kultur

„Why are you so stupid?“, the natives asked the missionaires.
„Why should we be stupid?“, they asked in return.
„Because you are not painted like the Eyiguayegui.“
One had to be painted to be human:
Whoever remained in his natural state did not differ from animals at all.
Claude Levi-Strauss, Traurige Tropen (1955)

Allgegenwärtig und doch nicht sichtbar. Das sind die meisten Tätowierungen. Sie erzählen persönliche Geschichten, schaffen Identität und Zugehörigkeiten, sind ein Zeichen von Selbstbestimmung, aber auch Stigmatisierung. Sie bleiben für immer und sind doch so vergänglich wie ihr Träger selbst. Tätowieren ist eine Grenzerfahrung aus Kunst, Schmerz und Sinnlichkeit. Sie sind eine Konstante vieler Völker, eine zeitlose Ausdrucksform. Die neue Ausstellung im Museum für Kunst & Gewerbe „lotet erstmals das breite Spektrum dieser alten und noch immer sehr lebendigen Kulturtechnik im Fokus von Kunst und Design aus, stellt internationale Positionen vor und greift aktuelle Diskussionen auf.“ (Quelle: MKG Hamburg). Bis zum 06.09.2015 werden über 250 Arbeiten wie Gemälde, Skulpturen und Holzschnitte, Fotografien und Videos sowie historische Hautpräparate gezeigt. Auch der Hamburger Bezug kommt nicht zu kurz. Die Ausstellung führt den Besucher zurück in das Hafenmilieu im späten 19. Jahrhundert. Bisher unveröffentlichte Fotografien dokumentieren die typischen Tätowierungen der Hamburger Arbeiterschaft um 1890.

Im Eingang erwarten den Besucher sechs große Fotografien aus der Serie „Why I love Tattoos“ von Ralf Mitsch. Diese Fotos sind sehr beeindruckend und sicherlich die meist fotografierten Bilder dieser Ausstellung. Aber nicht nur die Fotografien werden gezeigt, sondern zu jeder abgebildeten Person auch die individuelle Geschichte hinter den Tätowierungen. Samantha (Titelbild links außen) wusste schon immer, dass sie keinen Fleck auf ihrem Körper unverziert lassen wollte. Ihr erstes Tattoo hat sie sich mit 15 stechen lassen, ihr Lieblingstattoo ist die Pfingstrose auf ihrem Hals. Fertig ist sie noch lange nicht. Als nächstes bekommt sie einen Tiger auf ihren Rücken. Für Tim (Titelbild mitte) ist ein neues Tattoo zu bekommen wie ein Urlaubstag. Für ihn ist das Wichtigste, dass seine Tattoos ein Gesamtkunstwerk in einem einheitlichen Stil bilden. Er liebt den Jugendstil und dessen Werke. Da er sich diese aber nicht an die Wand hängen kann, lässt er sie sich einfach unter die Haut stechen. Er liebt jedes einzelne Tattoo an seinem Körper und bereut im Gegensatz zu Samantha kein einziges. Sylvie (Titelbild rechts außen) liebt es, ihren Körper zu verändern. Ihr erstes Tattoo bekam sie mit 14 Jahren: das japanische Symbol für Freundschaft. Jedes ihrer Tattoos hat entweder einen Bezug zu ihrer Familie oder zu einem speziellen Ereignis. Nach dem Tod ihrer Oma hat sie sich ein Marmeladenglas stechen lassen, da sie jedes Jahr zusammen mit ihrer Oma Marmelade eingekocht hat. Sicherlich findet jeder Tätowierte einen Teil seiner Beweggründe in diesen drei Menschen wieder. Bei mir verhält es sich ähnlich wie bei Sylvie. Auch mit meinen Tattoos verbinde ich einen bestimmten Lebensabschnitt, Personen oder Ereignisse. Ein Tattoo einfach nur stechen lassen, weil es aktuell in Mode ist, würde ich persönlich nicht machen. Das bewahrt einen auch davor, seine Tätowierungen später zu bereuen.

"Why I love Tattoos" von Ralf Mitsch, 2014 - (c) MKG Hamburg

„Why I love Tattoos“ von Ralf Mitsch, 2014 – (c) MKG Hamburg

Betritt man den eigentlichen Ausstellungsraum erwarten den Besucher eine Vielzahl von Fotografien, auf denen tätowierte Menschen zu sehen sind. Eine kleine Reise in die Vergangenheit der Tätowierkunst beginnt. Der Besucher kann z.B. Fotografien von tätowierten Burlesque-Tänzerinnen, Glamourgirls und Zirkusfrauen der 20er bis 70er Jahre aus dem Fundus der Tattoolegende Herbert Hoffmann bewundern. Tätowieren war in Hoffmanns Augen eine sinnliche Erfahrung, er genoss es, nah am Menschen zu sein. Auch jede Menge Fotografien von Hafenarbeitern und Seeleuten vom Hamburger Christian Warlich, dem Urvater der deutschen Tätowierer und Ausbilder von Herbert Hoffmann, kann man bewundern. Motive wie Anker, Segelschiffe oder Berufszeichen zeigen die Zugehörigkeit zu einem bestimmten sozialen Umfeld und geben Hinweise auf die Lebensgeschichten der Seeleute. Tätowierungen als Tagebücher: Orte und Erlebnisse wurden so auf den Körpern der Seefahrer festgehalten.

 (c) MKG Hamburg

(c) MKG Hamburg

Besonders spannend fand ich die Tatsache, dass nahezu alle Mitglieder der europäischen Fürstenhäuser tätowiert waren. Leider gab es hierzu keine Abbildungen, aber alleine die Tatsache, dass Kaiserin Sissi sich 1888 in einer Hafenkneipe einen Anker auf den Arm hat tätowieren lassen, hat mich zum Schmunzeln gebracht.

Besonders spannend fand ich die Tatsache, dass nahezu alle Mitglieder der europäischen Fürstenhäuser tätowiert waren. Leider gab es hierzu keine Abbildungen, aber alleine die Tatsache, dass Kaiserin Sissi sich 1888 in einer Hafenkneipe einen Anker auf den Arm hat tätowieren lassen, hat mich zum Schmunzeln gebracht.

Nach der Reise in die Vergangenheit werden dem Besucher aktuelle Projekte und Tätowierkünstler präsentiert. Die durchlaufenden Fotografien diverser zeitgenössischer Tätowierungen fand ich persönlich weniger spannend, denn erfährt man dabei keinerlei Hintergründe über den Künstler und denjenigen, der sich das Motiv hat stechen lassen. Mehr Aufschluss geben hier die Videos, in denen tätowierte Menschen ihre ganz persönlichen Beweggründe erzählen.

Und dann stand ich dann vor einem tätowierten, ausgestopften Schwein namens „Donata“. Ein wenig irritiert, warum dieses Schwein tätowiert wurde, las ich mir den Erklärungstext durch. Ich erfuhr, dass es sich hierbei um ein Kunstprojekt von Wim Delvoye handelt. Das Schwein wurde unter Betäubung tätowiert und nach seinem natürlichen Tod ausgestopft und ausgestellt. Das Projekt soll auf die Massenware Tier kritisch hinweisen und die Tiere vor diesem Tod retten, indem sie in das Projekt aufgenommen werden und so als Kunstwerk weiterleben können. Die Rettung von Tieren aus der Massenhaltung ist grundsätzich eine gute Sache, aber diese Tiere dann unter Narkose dafür zu tätowieren, halte ich eher für fragwürdig. Auch wenn es gegebenenfalls die Karnivoren unter den Besuchern zum Nachdenken anregt, habe ich trotzdem ein gespaltenes Verhältnis zu diesem Projekt und weiß nicht, ob ich es gut oder schlecht finden soll.

"Donata" von Wim Delvoye - (c) MKG Hamburg

„Donata“ von Wim Delvoye – (c) MKG Hamburg

Die meiste Zeit habe ich in dem Bereich der Ausstellung verbracht, der sich den kulturellen und religiösen Tattoos anderer Länder widmet. Hier war für mich das Meiste neu und ich kam aus dem Betrachten der Bilder und Lesen der Hintergrundinformationen gar nicht mehr heraus.
Ich erfuhr über die Gesichtstattoos „Tā moko“ der Māori, dass verschiedene Gesichtspartien von unterschiedlichen Status zeugen. Ein Tattoo in der Stirnmitte z.B. ist nur Menschen mit einem hohen Status vorbehalten.
Die Gesichtstattoos der Chin-Frauen in Burma werden im Rahmen eines Rituals gestochen, welches bei dem Übergang von Kindheit zur Erwachsenenwelt vollzogen wird. Als Tätowierwerkzeug dienen Dornen oder Nadeln, die Muster sind von Clan zu Clan unterschiedlich.

In Thailand bewahren die sakralen Yantra-Tätowierungen, auch sak yant genannt, vor Unglück, Unfällen oder Verbrechen. Die Schutzfunktion tritt jedoch nur in Kraft, wenn gewisse Regeln beim Tätowieren eingehalten werden. Die sak yant sind nicht für die Öffentlichkeit gedacht und werden versteckt getragen. Die sakralen Tattoos bestehen u.a. aus den Schriftzeichen der alten Khmer und Tiersymbolen. Der Tiger yant sua etwa ist ein sehr beliebtes Symbol für Stärke, Unerschrockenheit und Kraft.

MKG_Tattoo_Num_Thailand

Yantra-Tätowierung – (c) MKG Hamburg

Auch im Bereich der Bandenzugehörigkeit und der Gefängniskultur, vor allem der russischen, haben Tätowierungen immer noch eine tragende Bedeutung. In El Salvador z.B. liegt der Ursprung einer sehr bekannten Bandengruppe Nord- und Mittelamerikas namens „Mara Salvatrucha“ oder auch kurz „Mara“. Ein tätowiertes „M“, „MS“ oder „13“ verdeutlicht die Zugehörigkeit. Die Anzahl tätowierter Tränen steht für die Anzahl vollbrachter Morde.

Die Fotoreihe von Arkady Bronnikov – ehemals Forensiker, heute Fachmann für russische Gefängnistattoo-Ikonografie – hat mich zudem fasziniert. Die grobkörnigen Schwarz-Weiß-Fotos zeigen die nackten tätowierten Oberkörper russischer Gefangener. Die Schlange um den Hals steht beispielsweise für Drogensucht, die Anzahl der Kreuze für die abgesessenen Strafen. Die Anzahl an Kuppeln bei Kirchendarstellungen gibt Aufschluss über die Verurteilungen oder die in Haft verbrachten Jahre. Viele der Häftlinge tragen den gekreuzigten Christus auf der Brust, umflogen von Engeln. Das Kreuz steht hier jedoch für die Zugehörigkeit zur Gruppe „Diebe im Gesetz“. Die Tätowierungen von Mithäftlingen zeigen, dass man nicht mit den Behörden kooperiert und den kriminellen Codex befolgt.

Ein wenig vernachlässigt wird in der Ausstellung die unfreiwillige Tätowierung als Zeichen der Unterdrückung wie z.B. in der Sklaverei, als Brandmal oder als Kennzeichnung von Häftlingen in Konzentrationslagern. Dies ist leider ein echter Nachteil einer Ausstellung, die den Anspruch hat, das Thema „Tattoo“ multiperspektivisch zu durchleuchten. Aber trotz dieses Nachteiles lohnt die Ausstellung und ist definititv einen Besuch wert, auch für nicht Tattoo-Freaks. Daumen hoch also von meiner Seite aus.

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Über

Hat sich 2007 in Hamburg verliebt, als sie für das Filmfest Hamburg während ihres Medienökonomie-Studiums gearbeitet hat. Seit 2011 lebt Janka nun in Hamburg und arbeitet als IT Project Managerin Twitter: @JankaBeee - sterndesnordens.de Stellvertretende Redaktionsleiterin von Elbmelancholie

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